Die schöne Dame ohne Gnade
Verführung und Schrecken

Von der dämonischen Femme Fatale zur Romantasy-Ikone

Wer glaubt, dass nur Zwerge, Dämonen, Zauberer, Hexenmeister, Vampire und Trolle die phantastischen Bücherwelten beherrschen - also die Herren der Schöpfung - hat sich getäuscht. Zwar schlagen in etlichen Romanen Männer mit gezückten Schwertern als starke Helden ihre Gegner in die Flucht. Doch eine andere gefährliche Macht lockt ihre Opfer verführerisch ins Verderben: Weibliche Figuren in Fantasy-Geschichten gehorchen oft anderen Gesetzen als ihre männlichen Kollegen. Ihre stärkste Waffe ist die Versuchung, der selbst der Leser erliegt.
Dunkle Muse
Woher stammen diese verführerisch-gefährlichen Frauen? Wenn wir eine kleine Reise in das Zeitalter der Romantik unternehmen, treffen wir dort auf den englischen Schriftsteller John Keats. Von allen seinen Portraits blickt uns ein blasser, blutarm wirkender Jüngling verträumt an. Den vom Grübeln schwer gewordenen Kopf stützt er mit der Hand ab, sein Blick ist in die Ferne gerichtet. Da Keats als eingefleischter Romantiker zur Todessehnsucht neigt, also einen romantisch verklärten Blick auf die Abgründe des Lebens wirft, liegt es nahe, sich die Muse des Poeten als unbarmherzige und göttliche Schöne vorzustellen. Unnahbar und anbetungswürdig, aber auch gefährlich, scheint sie an der Schwelle des Todes zu stehen. Diese Muse ist zugleich eine Quelle der Inspiration und ein Wegweiser in Richtung Untergang. Sie bezirzt den Dichter, inspiriert ihn, raubt ihm im Gegenzug aber auch seine Lebenskraft. Keats hat genau dieses Zusammentreffen mit seiner Muse literarisch in dem Gedicht La belle dame sans merci (Die schöne Dame ohne Gnade) verarbeitet.
Doch nicht erst Keats hat diese verhängnisvolle Frau, die Femme fatale, zum Leben erweckt. Er ist ihr lediglich erlegen und von ihr inspiriert worden. Die schöne Gnadenlose taucht schon viel früher in den Legenden und Sagen auf, welche die Menschen seit dem Altertum gesponnen haben. Werfen wir also den Blick auf die Vergangenheit. Denn die Dämonisierung des Weiblichen reicht bis in die Antike zurück. (...)

Stefanie Platthaus

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