![]() |
||
|
Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann Kinderschreck Vor wem Kinder Angst haben - und warum Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Schabefleisch aus dir Eigentlich ist er ganz harmlos: Kinder rufen ihn beim Fangenspiel und fragen am Ende eines Abzählverses, wer Angst vorm Schwarzen Mann hat. Erwachsene sagen, dass der Schwarze Mann ein Kind holen kommt, wenn es unartig ist. Und unterm Bett oder der Kellertreppe können angeblich Monster sitzen. Dass sich hinter diesen vermeintlich harmlosen Kinderreimen und Kinderschrecken Abgründe nächtlichen Terrors und seelischer Qualen verbergen können, ist vielen Erwachsenen gar nicht klar: Licht aus! Als sein Vater abends das Zimmer verlassen will, fleht Bill Wattersons Comic- Lausbub Calvin ihn an, das Licht anzulassen - wegen der Monster unter Calvins Bett, vor denen Calvin trotz seines Stofftigers Hobbes große Angst hat. Sein Vater beschwichtigt Calvin, dass keine Monster unter seinem Bett seien, macht das Licht aus und schließt die Tür. Calvin ruft im Dunkeln unter sein Bett: »Heute Nacht irgendwelche Monster unter meinem Bett?« Er erhält keine Antwort, und das macht ihn misstrauisch. Er und Hobbes erzählen einander betont laut, wie vollgefressen und trotzdem zart und lecker Calvin heute doch sei. Als daraufhin eine Pfütze Sabber unter dem Bett hervorquillt, verknoten Calvin und Hobbes ihre Bettsachen zu einem Strick, um aus dem Zimmer zu fliehen. Bill Watterson thematisiert in diesem Strip viele Dinge: die kindliche Angst vor dem nicht Sichtbaren und Unbekannten, die Kinder in der Dunkelheit abends im Bett oft ausstehen, während ihre Eltern diese Ängste auf die leichte Schulter nehmen. Und wozu die Angst die Kinder treiben kann: zur Flucht aus dem eigenen Bett, klassischerweise in das der Eltern; oder zu unruhigen, marternden Albträumen. Denn im Schlaf verarbeitet unser Unterbewusstsein die Eindrücke des Tages. Und was könnte stärker und frischer sein als die Angst vor den bösen Wesen der Nacht und der Dunkelheit, die man kurz vor dem Umschalten auf das Unterbewusstsein empfindet? Unterm Bett Es gibt viele klassische Beispiele für Schreckensgestalten im Kinderzimmer und in den eigenen vier Wänden. Oft sind sie schon viele Generationen und Jahrhunderte alt: Die unscharf definierten Monster unter dem Bett und der Kellertreppe oder im Kleider- und Wandschrank lauern im eigenen Zuhause in abgelegenen, düsteren Ecken. Sie torpedieren das Sicherheitsgefühl der eigenen vier Wände. Aber es gibt auch viele konkret gestaltete, häufig bewusst eingesetzte Kinderschrecken. Teilweise gehen diese Schreckensgestalten auf reale Personen oder Dinge zurück, oder sie sind als Anthropomorphisierung zu verstehen - um Kinder zu erziehen, damit sie einen schwierigen Sachverhalt einfach erfassen können. Die Herkunft der Schrecken ist oft mehrdeutig: Steht der Schwarze Mann nur für den zwielichtigen Fremden und dunkel gekleideten Räuber? Oder steht er für die Pest und die Leichensammler? Oder gar für Tod und Teufel? In jedem Fall half der Schwarze Mann Eltern dabei, Kinder zu erziehen: Sei artig oder schlaf jetzt; hör auf, deine Schwester zu ärgern, sonst holt dich der Schwarze Mann! (...) Carsten Pohl & Christian Endres Mehr zu lesen gibt es in der Nautilus 75 - bei uns online zu bestellen |
||