Held oder Verbrecher?
Der edle Räuber

Robin Hood - Mythos und Wirklichkeit des Sozialbanditen


Robin Hood ist heute der Inbegriff eines Sozialbanditen, der
um Gerechtigkeit kämpft. Dabei bleibt der Rächer der Enterbten gesellschaftskompatibel, er ist kein Revolutionär: Er kämpft gegen den unrechtmäßigen König Johann Ohneland, um den rechtmäßigen Richard Löwenherz wieder auf den Thron zu bringen.
Hat es Robin Hood als historische Figur gegeben? Einerseits ranken sich Mythen auch um historische Personen wie Karl den Großen, Attila, den Hunnenkönig, Alexander den Großen oder den ebenfalls zum edlen Räuber verklärten deutschen Schinderhannes. Andererseits deutet vieles im Mythos von Robin Hood auf eine erzählerische Darstellung der englischen Geschichte im frühen Mittelalter. Der Rächer der Enterbten wäre dann eine rein fiktive Figur, ähnlich dem Zauberer Merlin oder dem Drachentöter Siegfried.

Die Ursprünge
Robin Hood war im Mittelalter kein Familienname, sondern ein Ausdruck für einen Gesetzlosen, vergleichbar dem deutschen Halunke oder Galgenstrick. Zudem waren die Vornamen Robert oder Robin in verschiedenen Formen in England weit verbreitet. Im 13. Jahrhundert gibt es verschiedene Erwähnungen dieses Namens außerhalb der bekannten Sage. 1377 erscheint der Name Robin Hood in einer Gedichtsammlung, 1420 finden wir einen Hinweis auf eine historische Person. Andrew Wyntoun erwähnte Robin Hood und Little John für das ausgehende 13. Jahrhundert. Walter Bower datierte Robin Hood auf die Zeit um 1266. 1520 schließlich findet Robin Hood seinen Platz in der Zeit, in der wir ihn kennen: John Major schreibt nämlich von einem Robin Hood in der Zeit von Richard Löwenherz, also viele Jahrzehnte früher als bei Bower.
In den alten Balladen ist Robin Hood ein freier Bauer - aber keineswegs ein mittelalterlicher Che Guevara, der die Reichen bestiehlt, um die soziale Revolution vorzubereiten. Ein Robin Hood im Wortsinn ist er durchaus, nämlich ein Wegelagerer, ein banaler Waldräuber, der nicht die Reichen beraubt, um die Armen zu beschenken, sondern andere beraubt, um sich selbst zu bereichern.
Das verwundert nicht, egal, ob es sich um eine fiktive oder eine wirkliche Person handelt. Denn in der englischen Gesellschaft im Mittelalter kam es häufig zur Anwendung von Gewalt. Der Adel definierte sich über Krieg, Fehden zwischen den Adligen gehörten zum Alltag - und ein Räuber brauchte auch in den Erzählungen nicht unbedingt eine moralische Rechtfertigung für seine Taten. Der Ort der frühen Robin Hood-Legenden verweist auf die damalige Wirklichkeit. Robin und seine Gesetzlosen leben nicht im Sherwood Forest oder in Nottingham (einer Region, die im 13. Jahrhundert bereits über eine entwickelte Infrastruktur verfügte). Die Outlaws der frühen Erzählungen machen stattdessen die Überlandstraße im Grenzgebiet zwischen England und Schottland unsicher, in Yorkshire. Im Sherwood Forest hätten erstens die wenigen Kaufleute, die durchreisten, nicht ausgereicht, der Bande ihren Lebensunterhalt zu finanzieren; zweitens wäre das Rückzugsgebiet nicht groß genug gewesen. Das Grenzgebiet jedoch, wo Outlaws jederzeit nach Schottland fliehen konnten, entspricht den Notwendigkeiten einer mittelalterlichen Räuberbande viel eher.
Nicht das romantische Bild eines dunklen Waldes, sondern ein anderes Land mit anderem Rechtssystem war auch in vergangenen Zeiten das Terrain, auf dem sich Gesetzlose bewegen konnten. Räuber brauchen in erster Linie keine Wildnis, in der sie sich verstecken können, sondern Absatzmärkte für ihr Diebesgut. Heute gilt das zum Beispiel für den Drogenhandel an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Aus historischen Überlieferungen ist bekannt, dass die Handelsstraße von England nach Schottland unkontrollierbar war, über Jahrhunderte hinweg als extrem gefährlich galt und Raubüberfälle zur Tagesordnung gehörten. (...)

Utz Anhalt

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