Faszination Assassine
Meuchler

Schattenhafte Auftrags-Mörder in der Fantasy-Literatur


Überraschungen in allen Ehren - ab und an ist es doch ganz schön, wenn man sich die Dinge ausrechnen kann. So manches aktuelle Buch, dessen Cover ein Protagonist mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze ziert, handelt entweder von angehenden Magiern und Magierinnen - oder von Meuchelmördern. Wenn man die Verlagsvorschauen für die nächsten Monate durchblättert, sind Assassinen sogar ein Trend. Meuchelmörder sind kein Produkt der Vorstellungskraft fantastischer Genre-Autoren, sondern eine historische Tatsache. Fantasy-Autoren haben ihre Vorliebe für Auftragsmörder, Assassinen, Spione und andere undurchsichtige Gestalten bereits vor langer Zeit entdeckt.

Orientalisch
Laut frühen Berichten bezeichnet der Begriff Assassinen ursprünglich eine militante islamische Sekte aus dem elften und zwölften Jahrhundert, deren Mitglieder angeblich Haschisch und andere Rauschgifte konsumierten, Orgien feierten und politische Meuchelmorde verübten. Diese Assassinen sollen wahre Kampfkunstexperten und Meister des Anschleichens und lautlosen Tötens gewesen sein - und sich angeblich mit Drogen gedopt haben, die ihre körperlichen Fähigkeiten noch steigerten. Auch Märtyrermissionen mit der Aussicht aufs Paradies waren in diesem Rauschzustand keine Seltenheit. Allerdings ist unklar, wie authentisch diese Aufzeichnungen über die Assassinen aus dem Orient des Mittelalters tatsächlich sind.
Fest scheint jedoch zu stehen, dass sich das Wort Assassine (engl.: assassin) vom arabischen Wort haschischiyyin (umgangssprachlich für haschisch: Kräuter und Gräser) abgeleitet hat. Männer wie Marco Polo, Henry II. und andere Abenteurer, Entdecker und Kreuzfahrer brachten das Wort mitsamt der Legenden um die Sekte der verschleierten Auftragsmörder zurück ins faszinierte Europa. Zum ersten Mal im modernen Sprachgebrauch wurde der Begriff »assassination« (Meuchelmord) übrigens von William Shakespeare in Macbeth (1605) verwendet.
Vom elisabethanischen England aus haben sich Begriff und Legende weiter verbreitet und verselbstständigt - bis aus der orientalischen Meuchelmörder-Sekte ein Synonym für Auftragsmörder aller Art geworden war.
(...)

Christian Endres

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»Der Assassine ist ikonisch«

Interview mit Brent Weeks

Brent Weeks ist einer der zeitgenössischen Fantasy-Autoren, die eine erfolgreiche Buchreihe mit Assassinen als Hauptfiguren veröffentlichen. Der zweite Band seiner Night Angel-Trilogie erscheint im Juni 2010 als Paperback bei Blanvalet. Bereits in Der Weg in die Schatten, dem ersten Roman, erzählt Weeks von dem Gassenjungen Azoth, der nach einigen Rückschlägen beim Assassinen Durzo Blint das Handwerk des Tötens lernt - und mehr über seine magischen Fähigkeiten, die Azoths Tätigkeit als Meuchelmörder natürlich zugutekommen könnten, wenn er sie meistern könnte. Unser Mitarbeiter Christian Endres sprach mit Brent Weeks über das Faszinierende an Meuchelmördern.

Denken Sie, Ihre Leser kennen die Herkunft des Wortes »Assassine«?

Ich glaube nicht, dass viele die Herkunft der Hashishin kennen, obwohl es eine tolle Geschichte ist - gruselig wie sonst was. Andererseits habe ich herausgefunden, dass Fantasy-Leser oft bemerkenswert belesen sind, und so würde ich darauf wetten, dass ein paar Leser mir sehr schnell mitteilen würden, wenn ich in meinen Büchern einen Fehler begehen würde. Vor Kurzem hat mich eine 70 Jahre alte Dame darauf hingewiesen, dass ich »Häkelnadeln« geschrieben habe. »Junger Mann, man benutzt immer nur eine Nadel beim Häkeln!« Glücklicherweise war das leicht zu korrigieren.

Ist der Asssassine ein Archetyp?

Ich denke schon, dass der Assassine innerhalb der Popkultur ikonisch geworden ist. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich, da der Begriff inzwischen mehrere Bedeutungen hat. Ein Asssassine kann ein Verrückter sein, der versucht, den Papst zu ermorden. Oder ein Agent des Mossad, der einen Hamas-Agenten in Dubai tötet, oder John Wilkes, der Abraham Lincolm erschießt und Amerikas Heilung nach dem Bürgerkrieg um Generationen verlangsamte. Er kann auch jemand wie Gavrillo Princip sein, der Franz Ferdinand umbrachte und den Ersten Weltkrieg entfachte, oder ein von Stauffenberg, der versucht, Hitler zu töten.
Oft ist ein Attentäter ein Niemand, der den Lauf der Geschichte verändert, wie Lee Harvey Oswald oder James Earl Ray. Das ist seltsam, machtvoll und auf eine düstere Art faszinierend - generell verändern Attentäter die Welt zum Schlechten: Attentäter sind meistens Schurken und Verlierer. Von der Faszination für das Verändern der Geschichte mit einem einzelnen Schlag abgesehen, denken die Leute eher an trainierte Assassinen: schattenhafte, gefährliche Figuren, die herumschleichen und das tun, wovor die anderen sich fürchten. Ein Assassine ist gefährlich. Er beherrscht die Nacht.

Was war für Sie der wichtigste Punkt, eine Assassinen-Fantasy-Trilogie zu schreiben?

Als ich darüber nachdachte, Der Weg in die Schatten zu schreiben, habe ich es als Herausforderung betrachtet. Es ist leicht, sich einen Charakter auszudenken, der kein Gewissen hat - einen Psychopathen. Aber ich wollte einen Assassinen schreiben, der ein Gewissen hat und trotzdem ein Attentäter ist. (...)

Das Interview führte
Christian Endres

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