Urtümlich viktorianisch
Verrückt oder gesegnet?
Alice im Wunderland und die Reise des Schamanen
Der Klassiker Alice im Wunderland erschien im Original 1865, im viktorianischen England. Der Autor, Lewis Carroll, war im bürgerlichen Leben Mathematiker und Diakon. Die Reise eines kleinen Mädchens in eine fantastische Welt in zwei Büchern ist bis heute ein Kinderbuchklassiker, ausgiebig von Literaturwissenschaftlern untersucht und Namensgeber für ein psychisches Phänomen: Das »Alice im Wunderland-Syndrom« bezeichnet eine Wahrnehmungsverschiebung, in der die Betroffenen die Größe von Gegenständen, Menschen und Tieren verzerrt wahrnehmen.
Bewusstsein
Die Hippies der siebziger Jahre sahen in den Alice-Erzählungen die Beschreibung eines Drogentrips - Alice nimmt Flüssigkeiten und Kekse zu sich, während sie sich im Wunderland aufhält. Die Nahrungsmittel werden als halluzinogene Pilze, Haschkekse oder Tränke mit Mescalin-Extrakten gedeutet. Einige moderne Interpreten deuten auch klassische Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm als Beschreibungen von Drogenerfahrungen - zum Beispiel könnte sich im Rumpelstilzchen, dem kleinen Männchen, das blitzartig erscheint und wieder verschwindet, der Fliegenpilz verbergen - und der Flashback des Drogentrips.
Trip bedeutet Reise, und dass es sich beim LSD-Trip nicht um eine Reise von Hannover nach Berlin handelt, war auch den Hippies klar (zumindest denen, die nicht irgendwo auf einem solchen Trip hängen geblieben waren): Märchengeschichten dienen dazu, in bildlicher Form Einsichten zu vermitteln. Sie sind damit dem Mythos, der Dichtung und der Sage vergleichbar.
Elemente der Erzählung Alice im Wunderland kennzeichnen auch die sogenannte Reise des Schamanen in die Unterwelt. Schamane ist dabei der Überbegriff für Medizinmänner, Heiler, weise Alte, geistige Führer in unterschiedlichen Kulturen. Schamanen sind die Mittler zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt, der Alltagswirklichkeit und der Welt der Geister. Sie sind diejenigen, die Wissen schaffen über die andere Welt und dieses Wissen in die diesseitige Welt einbringen - um andere Menschen zu heilen, aber auch aus weniger netten Motiven.
Die christliche Bekehrung - mit Missionaren, aber auch mit Feuer und Schwert - und die europäische Wissenschaft, die sich aus dem christlichen Denken entwickelte, verachten bis in die heutige Zeit Schamanismus oft als primitiven Aberglauben. Dabei wissen wir es längst besser: Schamanen waren und sind gewissermaßen die Psychotherapeuten ihrer Gesellschaften, und schamanische Techniken finden heute Anwendung in Trauma-Aufarbeitungen, der Gestalttherapie, dem, was in der Psychologie »Visualisierung« heißt. Diese Techiken finden sich in Volkshochschulen zu kreativem Schreiben, Malen etc., und im Brainstorming. Das Wirkenlassen von psychischen Bildern, Ideen und Gedanken, gehört zum Personalmanagement in vielen großen und angesehenen Unternehmen. Die Elemente der schamanischen Reise sind erkennbar in der Archetypenlehre von C.G. Jung. Und auch Also sprach Zarathustra von Friedrich Nietzsche lässt sich als Rückkehr des Philosophen zu seinen schamanischen Ursprüngen erklären.
Schamanische Reise
Wie verläuft eine schamanische Reise? Der Anthropologe Michael Harner hat diese Reise als den Kern des Schamanismus erkannt, ob bei australischen Aborigines oder sibirischen Tungusen, Lakota-Indianern oder afrikanischen Regenwaldbewohnern. Die Reise geht in die sogenannte untere Welt: Ein Schamane versetzt sich mit Hilfe von Trommeln, Tanz, halluzinogenen Substanzen und durch Fasten in eine zumindest sehr intensive Trance (...)
Utz Anhalt