»Ich träume nicht viel«

Interview mit Terry Gilliam

Terry Gilliam ist entspannt und scherzt, als er zum Gespräch kommt. Gerade ist er in Cannes für seinen neuen Film Das Kabinett des Dr. Parnassus (The Imaginarium of Doctor Parnassus) mit stehenden Ovationen gefeiert worden. Der Wahlbrite musste in seiner Karriere schon einige Tiefschläge verkraften. Auch Das Kabinett des Dr. Parnassus wäre fast ein Desaster geworden - Hauptdarsteller Heath Ledger verstarb während der Dreharbeiten. Doch die Anspannung ist vorbei, ein gelöster und aufgeweckter Terry Gilliam scheint darauf zu brennen, Fragen zum Film zu beantworten:

The Imaginarium of Doctor Parnassus ist ein großartiger Film.

Echt? Danke (lacht) Ich glaube auch, dass er ganz gut geworden ist. Er war ziemlich ... anstrengend. Außergewöhnlich. Der Dreh hat gegen alle Regeln verstoßen, die sagen, wie man einen Film machen soll. Und vielleicht war das etwas Gutes. Es ging ums Überleben, um das Überleben des Films. Wenn ich darüber nachdenke, kommt es mir so vor, als ob ich einen Großteil der Drehs vergessen habe. Fast als ob ich es unterdrücken wollte (lacht).
Was ich sehr mag, ist, dass Kinder den Film sofort verstehen. Erwachsene müssen erst ein paar Strukturen, die sie in ihrem Kopf aufgebaut haben, einreißen, damit er Sinn ergibt. Eigentlich muss man sich den Film digital ansehen. Filmbänder sind schmutzig, und die Farben sind total verwaschen. Ich nehme meine Filme digital auf, weil man auf diese Weise viel mehr Informationen einfangen kann. Man kann mit den Details spielen und sie anders herausbringen. Und eine digitale Projektion sieht unglaublich sauber aus. Was man auf der Leinwand sieht, ist natürlich schmutzig und dreckig. Aber zumindest sieht es sehr gut aus.

Zur Entstehung des Films: Von was träumen Sie? Woher bekommen Sie Ihre Ideen?

Eigentlich träume ich von gar nichts. Ich träume nicht besonders viel. Also, sicher träume ich, aber ich kann mich nicht an besonders viel erinnern. Normalerweise passieren die Dinge am Morgen, wenn ich noch im Halbschlaf bin. Die Ideen beginnen in meinem Kopf zu schwimmen, und ich bin glücklich, die Augen geschlossen lassen zu können. Ich bin an einem schönen Ort, und ich glaube, viele meiner Ideen entstehen zu diesem Zeitpunkt.

Die große Tragödie des Films war der Tod von Heath Ledger.

Als Heath starb, war mir klar, dass der Film vorbei ist. Glücklicherweise war ich von Leuten umgeben, die das nicht so sahen. Vor allem meine Tochter und Nicole Peckariny. Beide sagten: »Komm schon, wir müssen etwas machen«, und das haben wir getan. Allerdings haben wir nur einen kleinen Teil getan. Jonny Depp, Colin Farrell und Jude Law haben den Tag gerettet. Was um so erstaunlicher ist, weil sie alle an eigenen Projekten gearbeitet haben. Vom Ablauf her war es ein Alptraum. Wir wussten nicht, wann sie frei waren, und wussten dementsprechend nicht, was wir an dem Tag drehen würden. Zum Glück wurde Michael Manns Film Public Enemies um eine Woche verschoben. Da konnte Jonny endlich drehen. Als sie zum Filmteam stießen, ohne Proben und nur mit den Bruchstücken der Dreharbeiten, die sie gesehen hatten, war das unglaublich mutig, weil zu diesem Zeitpunkt niemand von uns genau wusste, wie wir weitermachen würden. Wir wussten nur, dass wir es tun. Deshalb wollte ich auch nur mit echten Freunden von Heath zusammenarbeiten.
Colin sagte während eines Drehs, dass es ihm am Ende vorgekommen sei, als ob er von Heath förmlich besessen war. Ich denke, dass der Moment, in dem Johnny seine Maske herunternimmt, unglaublich ist. Die Hälfte des Publikums glaubt immer, dass er Heath ist. Irgendetwas ist da passiert.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich entschlossen haben, weiterzumachen?

Das kann ich gar nicht mehr genau sagen. Ich weiß noch, dass ich gesagt habe: »Es ist vorbei«, und eine Woche verstrich, in der wir uns gefragt haben, wie wir weitermachen wollten. Dann habe ich gesagt: »Was wir machen könnten, ist Folgendes: Wir haben alle Szenen auf der einen Seite des Spiegels. Wir könnten die auf der anderen Seite nachdrehen.«
(...)

Das Interview führte
Sebastian Geiger

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