Steampunk auf neue Art
Weltensucher
Interview mit Thomas Thiemeyer
Der Schriftsteller Thomas Thiemeyer legt mit Die Stadt der Regenfresser den ersten Band seiner neuen Romanreihe Chroniken der Weltensucher vor. Anlässlich einer Lesereise beantwortete er freundlicherweise unserem Mitarbeiter Daniel Bauernfeld einige Fragen:
Für wen haben Sie Weltensucher geschrieben? Hoffen Sie auf der Lesereise auf jugendliche Fans?
Ich hoffe natürlich, auch einige meiner älteren Fans im Publikum anzutreffen. Zumal Die Stadt der Regenfresser ja durchaus auch etwas für Leser meines Alters ist. Wenn meine Rechnung aufgeht, dann weckt der Roman gewisse Erinnerungen an eine Zeit, in der Jungen und Mädchen meines Alters mit hochroten Ohren die Abenteuer von Kapitän Nemo, Sherlock Holmes oder Professor Challenger verschlungen haben. Und für junge Leser ist es vielleicht die richtige »Einstiegsdroge«, um sich die Klassiker vorzuknöpfen.
Ihr Verlag schreibt, dass Sie mit diesem Buch ein »beinahe vergessenes« Genre wiederbelebt haben, nämlich den Steampunk-Abenteuerroman.
Genaugenommen ist Steampunk ja ein Begriff aus der Science Fiction und umschreibt Romane, die in einer alternativen Realität spielen. So gesehen sind die Weltensucher-Romane eigentlich kein reinrassiger Steampunk, und in Band 1 ist davon auch noch nicht viel zu spüren. In Band 2 wird es weitaus »steamiger«: riesige Maschinen, die am Grund des Meeres einen Maschinenstaat gründen.
Genauso wenig sind die Romane von Jules Verne, H.G. Wells oder Arthur Conan Doyle reinrassiger Steampunk. Meine Geschichten spielen in der real existierenden Welt des ausklingenden 19. Jahrhunderts mit ihren vielen Erfindungen, Entdeckungen und Entwicklungen. Deshalb enthält jeder Roman ein Glossar.
Aber natürlich bleibe ich nicht auf dieser realen Ebene. Ich nehme die Dinge, die es schon gab, und übertreibe sie, genau wie Jules Vernes es getan hat. Dass es ein Linguaphon mit eingebauter Übersetzungsspule gab, ist natürlich Blödsinn, aber es gab Bestrebungen in dieser Richtung (die grandios gescheitert sind). Andere Erfindungen, wie die Brennstoffzelle sind heute aktueller denn je. Selbst der Zeppelin erfährt eine Renaissance.
Haben Sie denn in Ihrer Jugend die Werke von Jules Verne oder H.G. Wells gelesen?
Ich bin seit meiner Jugend ein unverbesserlicher Filmfreak. Die meisten Werke von Verne, Wells oder Stevenson habe ich zuerst als Hollywoodstreifen gesehen, ehe ich sie mir als Buch zur Gemüte geführt habe. Doch in den meisten Fällen hat das nicht geschadet. Die Reise zum Mittelpunkt der Erde und 20.000 Meilen unter dem Meer und Die geheimnisvolle Insel zum Beispiel sind so unterhaltsam, dass sie sogar meinen Kinder noch gefallen.
Hatten Sie literarische Vorbilder vor Augen, während Sie Ihre Helden entwarfen?
Aufmerksame Leser werden sicher die eine oder andere Ähnlichkeit meiner Figuren mit literarischen Vorbildern erkennen. Ich habe das ganz bewusst so angelegt. Ich wollte ein Gefühl der wohligen Vertrautheit bei meinen Lesern erzeugen, ein Gefühl der Geborgenheit und des Wiedererkennens. Oskar Wegener mag einige Charaktereigenschaften eines Oliver Twist haben, er besitzt aber auch ein paar neue. Carl Friedrich von Humboldt wiederum mag ein wenig an William von Baskerville aus Der Name der Rose erinnern, auch wenn er wesentlich kräftiger ist. Ich greife bei meinen Figuren gerne auf Klischees zurück, um diese dann zu durchbrechen. So bekommen sie etwas Frisches und Einprägsames, ohne den Leser durch völlige Fremdartigkeit zu irritieren.
Werden Sie das Geheimnis um die wahre Identität von Carl Friedrich Donhauser lüften?
Das kann ich noch nicht endgültig beantworten. Nach dem jetzigen Stand der Dinge ist Carl Friedrich der leibliche uneheliche Sohn des Naturforschers Alexander von Humboldt. Gezeugt im hohen Alter von achtzig Jahren. Carl Friedrich stellt am Ende des zweiten Romans einen Antrag auf Namensänderung. Er trägt fortan offiziell den Namen Carl Friedrich Humboldt.
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Das Interview führte
Daniel Bauerfeld