»Menschen wollen Träume«
Herr der Fantasie

Interview mit Neil Gaiman

Der britische Schriftsteller Neil Gaiman ist mit seinen Comics Sandman, den Romanen Anansi Boys, American Gods, Sternwanderer, Niemalsland und Ein gutes Omen (zusammen mit Terry Pratchett) und seinen Kinderbüchern Die Wölfe in den Wänden, Coraline und Das Graveyard-Buch (Arena) überaus bekannt und beliebt. Anlässlich einer Lesung von Das Graveyard-Buch hielt sich der heute in den USA lebende Autor in Hamburg auf. Dank der freundlichen Vermittlung des Verlags Arena konnte unser Mitarbeiter Lars Schiele Neil Gaiman ein paar Fragen stellen:

Im Vergleich zu dem ähnlichen Abschnitt in Das Dschungelbuch (»Des Königs Ankus«) bringt der Diebstahl des Schatzes der Sleers den Dieben nicht den Tod. Ist das Graveyard-Buch besser für Kinder geeignet als Das Dschungelbuch?

Eigentlich nicht. Ich bin mir nämlich keineswegs sicher, dass Das Dschungelbuch überhaupt ein Kinderbuch sein sollte: Diese Sammlung von Kurzgeschichten von Rudyard Kipling hat zwar eine kindliche Hauptfigur und ist heute bei Kindern beliebt. Aber ich bezweifle, dass Kipling Das Dschungelbuch für Kinder geschrieben hat.
Allerdings war es auch gar nicht meine Absicht, dass sich Das Dschungelbuch und Das Graveyard-Buch inhaltlich überlappen. Es gibt drei Kapitel, die einander entsprechen: Der Grabstein der Hexe entspricht Des Königs Ankus, die Bandar-log entsprechen dem Kapitel mit den Ghulen. Und natürlich gibt es Parallelen darin, wie Bod auf den Friedhof kommt.
Es gibt ja auch Dinge in Das Dschungelbuch, die außergewöhnlich sind, beispielsweise der Tod von Shir Khan, und ganz allgemein, wie Kipling Shir Khan behandelt: Das geschieht so beiläufig, dass es außerordentlich unwichtig wirkt. Dabei ist es brillant - Shir Khan wird von zwei durchgehenden Rindern zertrampelt. Das geschieht geradezu zwischen zwei Sätzen.
Das Graveyard-Buch ist nicht entstanden, weil ich mir dachte: Da gibt es diese großartige Vorlage. Aber es geht wie in Das Dschungelbuch um ein Kind, das in einer Welt aufwächst, die nicht die seine ist. Und wenn ich schon eine Geschichte erzähle, die von einem Kind handelt, das auf dem Friedhof aufwächst, dann sollte ich mir der Erzählung von Kipling bewusst sein.
(...)

Die Fragen stellte Lars Schiele

Mehr zu lesen gibt es in der Nautilus 68 - bei uns online zu bestellen