N A U T I L U S 39
Die Ziele der Entdecker

Zum Ende der Welt

Die Suche nach dem Neuen

To boldly go where no man has gone before: Auf der Brücke der Enterprise sitzt Captain Picard und sieht auf dem Bildschirm vor sich eine unbekannte Welt im endlosen All. Kein Mensch hat jemals von diesem Planeten gehört, niemand hat ihn jemals betreten, nichts gibt einen Hinweis darauf, welche Abenteuer, Gefahren oder Wunder auf dieser neuen Entdeckung auf die Menschheit warten.
Jeder Trekkie kennt diese Szene aus Dutzenden von Folgen des Science Fiction-Evergreens, und trotzdem ist die Situation so alt wie die Menschheit selbst. Schon immer ist der Mensch davon getrieben, das Unbekannte zu erforschen, Grenzen zu überschreiten und neue Lebensräume zu entdecken. Aus den unterschiedlichsten Gründen wurden Expeditionen ausgerüstet und Mannschaften oder Landesforscher in Glück oder Verderben entsandt. Vielleicht gerade weil Entdeckungen so eine eigenständige Größe in der Geschichte der Menschheit sind, wurde die Fernsehserie Star Trek so erfolgreich. Denn der Entdecker scheint in jedem von uns zu stecken, bei einigen mehr als bei anderen.

Seit Urzeiten
Schaut man sich die Geschichte der waghalsigen Männer und Frauen an, die ihr Leben für den Schritt auf neues Land riskierten, ist kaum zu entscheiden, wer der erste oder der größte Entdecker war. Schon vor der Geschichtsschreibung muss es immer wieder Familien oder Stämme gegeben haben, die ihre Heimat verließen, um nach neuen, fruchtbareren Regionen zu suchen. Einige reisten den Tieren hinterher, andere flüchteten vor der herannahenden Eiszeit. Bei vielen unglaublichen Entdeckerleistungen ist bis heute nicht geklärt, ob es sich um mutigen Forscherdrang oder Notwendigkeit handelte.
Die Polynesier zum Beispiel fuhren auf ihren Flößen und Booten über große Entfernungen auf dem freien Meer, gelangten angeblich sogar bis zu den Osterinseln oder gar nach Südamerika. Auch die Phönizier oder Ägypter stießen immer wieder weit in die unterschiedlichsten Regionen fernab der Grenzen der ihnen bekannten Welt vor. Bei vielen dieser allerersten historisch bekannten Entdeckungsreisen mag das Zitat noch gestimmt haben, das einem zu Beginn jeder Raumschiff Enterprise-Folge aufgesagt wird - doch mit der Zeit und der Entwicklung der Zivilisation wurden die Entdeckungen der Menschheit neu definiert:
Vor allem Errungenschaften der Navigation und neue Techniken in der Schifffahrt verliehen dem Menschen die Möglichkeiten, alte Grenzen des Machbaren zu überschreiten. Von den ersten Küstenschiffskarten, den astronomischen Beobachtungen am Nachthimmel über den Jakobsstab zur Ermittlung der Breitengrade, den Sextanten, den ersten genauen Zeitmessinstrumenten, um endlich auch den Längengrad genau bestimmen zu können, bis hin zur modernen Satellitennavigation förderten die Erfindungen der Wissenschaft die Ausbreitung der moderner werdenden Welt. Dabei war es an vielen Stellen eher eine Wiederentdeckung, denn wohin die bekannten Entdecker reisten, hatten schon längst andere Menschen ihren Fuß gesetzt.

Ungewollt entdeckt
Einer der bekanntesten Entdecker der Welt mag Christoph Columbus (1451-1506) sein. Als Sohn eines Webers aus Genua und mit dem Drang nach Entdeckungen im Blut gelingt es ihm, unterstützt von profitgierigen Geldgebern, eine Expedition aufzustellen. Einen Seeweg nach Indien will er finden, indem er nicht an der Küste Afrikas entlangsegelt, sondern nach Westen aufbricht. Am 3. August 1492 sticht er mit der Santa María, der Pinta und der Niña in See, leicht bewaffnet, mit 87 Personen auf den drei Schiffen. Mit einem Kompass bestimmt er die Reiserichtung, zudem führt er Astrolabien mit, mit denen er den Kurs zu festen Uhrzeiten an der Sonne oder dem Polarkreis ausrichtet. Die Zeit ermittelt er dabei mit einer Sanduhr, die alle halbe Stunde umgedreht werden muss.
Am 12. Oktober des gleichen Jahres, nach mehr als zwei Monaten, erreicht Columbus eine ihm unbekannte, neue Insel - ein Eiland der heutigen Bahamas. Wenig später entdeckt er Kuba und Hispaniola (Haiti und Dominikanische Republik). Alle Länder werden von ihm für die spanische Krone in Besitz genommen, und die Ureinwohner sollen sich den Entdeckern unterwerfen.
Mit Columbus’ Reiseerfolg wird ein Wettkampf der Europäer um die Neue Welt losgetreten. Weitere Expeditionen folgen, Siedlungen werden erbaut. 1497 entdeckt der italienischer Seefahrer Giovanni Caboto den nördlichen Teil der neuen Welt. Amerigo Vespucci beschreibt das entdeckte Land als erster als eigenen Kontinent, nach ihm erhält es seinen Namen. Immer mehr Europäer werden nach Amerika gesandt, um das Land zu besiedeln, oder wollen dort Gold, Gewürze oder Felle sammeln.
Die Ureinwohner stehen dabei im Weg und werden bestenfalls als Verbündete ausgenutzt. Spätestens mit den spanischen Eroberungsfeldzügen in Peru und Mexiko ist klar, dass die Entdecker und Eroberer sich kaum darum scheren, dass das Land schon längst von Menschen entdeckt war, bevor sie das Ufer erreicht hatten.
Während auf dem Kontinent europäische Bastionen entstehen, suchen andere Entdecker weiter nach der Passage in Richtung Indien. Im Norden versuchen es zwischen 1576 und 1611 John Davis und Henry Hudson - und scheitern beide am Eis und dem unüberschaubaren Küstenverlauf. Im Süden entdecken Piraten Cap Horn, und Ferdinand Magellan, ausgerüstet von Karl I., befährt 1519 die Meerenge zwischen Feuerland und dem südamerikanischen Festland. Seine Expedition ist es auch, die als erstes einmal um die Welt segelt - das Ende dieser Fahrt erlebt der Entdecker aber nicht, er stirbt auf der Reise.

Jenseits der Landkarte
Die Seereisen werden länger und sicherer, die Schiffe seetüchtiger und exakter zu navigieren, denn es werden genaue Chronometer entwickelt, die durch den Seegang nicht mehr gestört werden. Auch beim Proviant geht man neue Wege: Denn Skorbut (Vitamin C-Mangel) dezimiert bis dahin so manche Seemannschaft bis zur Manövrierunfähigkeit des Schiffes.
So ist James Cook, englischer Kapitän, im Besitz von mehreren modernsten Zeitmessern und hat an Bord eines seiner Expeditionsschiffe neben fünf Dutzend Tonnen Wasser, gepökeltem Schweine- und Rindfleisch, Mehl, Erbsen und Zwieback auch über fünfzig Tonnen voller Sauerkraut gegen Skorbut. Mit seinen zwei Schiffen, der Resolution und der Adventure, startet der Sohn eines Tagelöhners, der sich bis zum geachteten Kapitän hochgearbeitet hat, zu einer Reise ins Ungewisse. Nachdem die Wege nach Indien und Amerika entdeckt wurden, gibt es noch einen weiteren Kontinent, von dem sich Europa Reichtum erhofft: der legendäre Südkontinent (lateinisch: Terra Australis). Immer wieder taucht er auf Karten auf, ohne jemals betreten worden zu sein. Cook soll nun endgültig Klarheit schaffen.(...)

Tobias Hamelmann

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