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Die Neugier auf die Welt ist einer der fundamentalen Charakterzüge des Menschen. Den wenigsten scheint es zu genügen, nur die eigene Heimat zu kennen; die meisten möchten wissen, wie es hinter der nächsten Wegbiegung weitergeht. Quer durch die Kontinente, über die Meere und schließlich gar in den Weltraum führt die Reise, und ein Ende ist nicht abzusehen. Denn zu groß ist die Verlockung, in der Begegnung mit dem Fremden die eigene Welterfahrung emotional und spirituell zu erweitern - und natürlich anderen Menschen davon zu berichten. Im besten Fall gelingt es dem Reisenden nämlich, den Geist eines bestimmten Ortes (den so genannten genius loci) einzufangen und ein Gespür für Geschichten zu entwickeln, die sich nicht überall, sondern nur an einem ganz bestimmten Ort ereignen können. Einem Ort, der vielleicht sogar von diesem Reisenden selbst zum ersten Mal erkundet wurde.
In Europa hat das Genre des Reiseberichts, in dem solche Erfahrungen erzählt werden, eine lange Tradition, und die wichtigsten Beispiele sollen hier vorgestellt werden. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Werken, die zur Grundlage späterer Romane wurden, also realen Reiseberichten, die große Werke der Abenteuerliteratur und der Phantastik beeinflusst haben. Doch auch diejenigen Geschichten fehlen nicht, die zwar im Stil eines Reiseabenteuers geschrieben sind, in Wahrheit aber einzig der Fantasie der Autoren entspringen.
Frühe Werke
Den Anfang bildet eines der ältesten europäischen Bücher überhaupt, die um 430 v.Chr. verfassten Historien des Griechen Herodot. Herodot hatte die Gegend um das Schwarze Meer, Ägypten und den Vorderen Orient bereist und konnte so auf Grund eigener Anschauung über sein Hauptthema berichten, die Begegnung zwischen Morgen- und Abendland. Da diese Begegnung schon während der klassischen Antike oft nicht gerade friedlich verlief, behandeln die Historien folgerichtig über weite Strecken hinweg den Krieg zwischen Griechenland und Persien. Und doch ist das Buch keine bloße Beschreibung von Feldzügen. Es versammelt vielmehr eine überbordende Fülle von Beobachtungen über das Leben der verschiedenen Völker im Mittelmeerraum. Dargestellt werden Ernährungsgewohnheiten und technische Errungenschaften ebenso wie religiöse Riten und magische Praktiken, und es finden sich unzählige Anekdoten, die die Frage nach dem Einfluss der Götter und des Schicksals auf das menschliche Leben stellen.
Über die folgenden fast 2.500 Jahre hinweg sollte es sich als eines der einflussreichsten Bücher des Genres überhaupt erweisen, denn es gibt fast kein seriöses Reisewerk, das nicht offen oder versteckt Bezug auf den griechischen Klassiker nimmt, und mancher Schriftsteller folgt den Spuren des antiken Autors bis heute sogar ganz direkt.
Erst siebzehn Jahrhunderte nach Herodot erschien in Europa ein zweites Werk, das von ähnlich großem Einfluss war, nämlich Marco Polos Das Buch des Marco Polo, Bürger von Venedig, genannt Milione, worin von den Wundern der Welt berichtet wird (1289/99). Darin schildert der Autor die Reise, die er zusammen mit seinem Vater und seinem Onkel in den Fernen Osten bis nach China unternahm und auf der er zum ersten Mal sogar von dem noch weiter entfernt liegenden Japan hören sollte. Viele Zeitgenossen hielten das Werk für eine Art Märchensammlung, doch knapp 200 Jahre später wurde es für Christoph Columbus zu einer der größten Anregungen seines Lebens, als dieser sich aufmachte, den Seeweg nach Indien zu finden.
Das neben Marco Polos Werk berühmteste Reisebuch des Mittelalters, Jean de Mandevilles Die Reisen über das Meer (um 1357), richtet wie kein anderes den Blick des Lesers auf das eine große Problem, das beim Umgang mit älterer Literatur zum Thema Reisen und Entdeckungen immer wieder auftaucht, nämlich die Frage nach der Authentizität der geschilderten Reiseerfahrungen. Hat sich wirklich alles so abgespielt, wie es der Autor uns glauben machen will?
Bei diesem Schriftsteller fangen die Probleme schon mit dem Namen an. Jean de Mandeville ist ein Pseudonym, doch wer sich dahinter verbirgt, ist unklar. Das Buch wurde in französischer Sprache verfasst, doch erst die englische Fassung machte es zu einem Bestseller. Dabei wurde der Name gleich mit übersetzt, sodass aus einem inexistenten Franzosen, hinter dem sich ein Unbekannter verbirgt, ein Engländer wurde, der nie gelebt hat, nämlich der angebliche Ritter John Mandeville.
Der Inhalt scheint auf den ersten Blick ähnlich dubios, denn der Autor berichtet dem Leser allen Ernstes von Dämonen und dem sagenhaften Vogel Phönix. Außerdem hat er sein Buch gar nicht geschrieben, wenn man darunter versteht, dass er über eigene Reisen berichtet. Er hat seinen Reisebericht vielmehr aus älteren Werken zusammengestellt. Doch das Überraschende ist, dass das, was er über den Nahen Osten, Indien und China zu berichten weiß, über weite Strecken authentisch ist, so dass bei ihm eine verschlungene, bunte Fiktion zur Wahrheit geführt hat.
So wurde Jean de Mandeville zum Urahn aller Autoren, die - wenigstens, als sie ihre Werke schrieben - nur in ihrer Fantasie gereist sind, und die doch auf vergleichbare Weise zu vielfach zutreffenden Schilderungen fremder Länder und ihrer Bewohner gelangten. Das bekannteste Beispiel in deutscher Sprache ist Karl May. Dessen drei Winnetou-Romane wurden zwischen 1876 und 1893 publiziert, und zu diesem Zeitpunkt war der Autor noch gar nicht nach Amerika gereist.
Ähnliches gilt zum Teil auch für Jules Verne. So stehen zwar in seinen Werken höchst unterschiedliche Reisen im Mittelpunkt, doch das Hintergrundwissen dazu hatte er sich aus der geographischen und naturwissenschaftlichen Literatur seiner Zeit erarbeitet und nicht etwa auf eigenen Weltreisen gesammelt. So hält sich zwar ein Buch wie In achtzig Tagen um die Welt (1872) strikt an das damals technisch Mögliche, und selbst der Roman Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer (1870) bleibt sehr nahe an diesen realen Möglichkeiten, doch beide Bücher sind ebenso wenig Abbildungen realer Reisen wie diejenigen von Karl May oder die Geschichten von Jean de Mandeville. Erst später bereiste Verne die Welt.
Amerika
Ein gebildeter Mensch des Hochmittelalters konnte also trotz mancher Fabelberichte durchaus etwas von der Welt jenseits seines eigenen Kontinents wissen. Doch all diese Erfahrungen verblassen angesichts des größten Umbruchs der europäischen Geschichte, der mit der Entdeckung - oder genauer gesagt: der Wiederentdeckung - Amerikas durch Christoph Columbus begann. Sein Reisetagebuch (1492) und seine Briefe und Berichte (1493) bieten die ersten Schilderungen der Neuen Welt. (...)
Martin Ruf
Mehr zu lesen gibt es in der Nautilus 39
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