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Es scheint eine Eigenart des Menschen zu sein, seiner Umgebung zuweilen mit einer Art tief verwurzeltem Misstrauen zu begegnen: All das, was ihm vertraut und gewohnt vorkommt, kann sich in seiner Wahrnehmung binnen kürzester Zeit in einem verstörenden Vorgang in etwas Unheimliches und Bedrohliches verwandeln. In einer solchen Atmosphäre der Paranoia wartet dann hinter jedem Busch ein Monster, in jedem Apfel steckt ein Wurm, und jedes noch so freundliche Lächeln ist bloße Fassade, hinter der finsterste Absichten verborgen werden. Der Feind ist dann überall - und was ihn so ungemein bedrohlich macht, ist die Tatsache, dass er vom Freund nicht mehr zu unterscheiden ist. Bei einer derartigen Unterwanderung hat das Böse Einzug in die alltägliche Welt gehalten, ohne dass sein Vordringen bemerkt worden ist.
Evolution
Mutter Natur ist eine Unterwanderungsstrategin. Schließlich gibt es eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen, die zumindest von ihrem äußeren Erscheinungsbild her vorgeben, etwas gänzlich anderes zu sein, als sie tatsächlich sind. So bildet beispielsweise eine Reihe von Insekten, die völlig wehrlos sind, die gelb-schwarze Färbung wehrhafterer Verwandter wie etwa Bienen, Hummeln oder Wespen nach, um potentielle Fressfeinde in die Irre zu führen. Bei diesen Formen von Mimikry kehrt die Natur das vom Menschen gefürchtete Motiv der Unterwanderung streng genommen um: Etwas Harmloses gibt sich den Anschein, bedrohlich zu sein.
Auch bei der Symbiose entsteht zunächst für keinen der an der gemeinschaftlichen Lebensform beteiligten Arten irgendein spürbarer Schaden. Im Gegenteil: Beide Parteien ziehen ihren Nutzen aus dem engen Verhältnis - viele der Bakterien, die zum Beispiel im menschlichen Darm leben, könnten außerhalb dieses Biotops nicht existieren, und umgekehrt braucht der Mensch diese Gäste in seinem Innern für eine reibungslos ablaufende Verdauung.
Die Grenzen zwischen einer symbiotischen und einer parasitären Beziehung sind allerdings fließend, und in jenem Augenblick, da aus dem Gast ein Schmarotzer und aus dem Gastgeber dessen Wirt wird, gewinnen diese Beziehungen eine bedrohliche und verstörende Komponente - insbesondere für den Menschen als vernunftbegabtes Wesen mit der Befähigung zur ständigen Reflektion des eigenen Daseins. Die Vorstellung, in uns könnte ungesehen und unbemerkt etwas heranwachsen, ist erschreckend und abstoßend, vor allem dann, wenn der Parasit in Form von etwas widerwärtig Erscheinendem wie einem Wurm oder einer Made auftritt. Die vielbemühte und gern erzählte urbane Mär von der aus dem Urlaub in tropischen Ländern mitgebrachten Beule auf der Haut, aus der dann irgendwann Dutzende winziger Spinnen hervorquellen, belegt, wie groß das Grauen ist, das eine solche Vorstellung auslösen kann.
Hierbei handelt es sich überdies nicht um eine Angst einzelner Individuen, sondern vielmehr um ein Bedrohungsszenario, das sich mit Leichtigkeit auf ein Kollektiv ausdehnen kann: Nicht nur der Einzelne, sondern die gesamte Eigengruppe ist der Gefahr durch eine Unterwanderung ausgesetzt. Dieser Umstand schlägt sich auch sprachlich nieder: Es kann kaum Zufall sein, dass man intern als Feinde der bestehenden Ordnung wahrgenommene Gruppen (wie beispielsweise Minderheiten) oder außerhalb der eigenen Ordnung stehende Andere (zum Beispiel feindliche Völker) häufig mit Begriffen wie »Parasiten«, »Pest« oder »Geschwüre« bezeichnet.
Gestaltwandler
Der Mensch hat recht früh damit begonnen, seine Angst vor einer Unterwanderung durch das Ersinnen von Geschichten Ausdruck zu verleihen, in denen das Fremde und Unbekannte sich auf perfide Weise in die bestehende Gemeinschaft einzuschleichen versucht.
Eine der bekannteren Figuren aus diesen Mythen ist der Wechselbalg. Der Sage nach stehlen Angehörige diverser Feenvölker mit Vorliebe menschliche Säuglinge, um ihren eigenen Nachwuchs einer nichtsahnenden Mutter unterzuschieben. Das Feenkind zeichnet sich dadurch aus, dass es seinen neuen Eltern durch beständiges Geschrei und schier unstillbaren Hunger den Schlaf und die Lebenskraft raubt. In manchen Varianten solcher Erzählungen wird das Unterwanderungsmotiv gleich gedoppelt: Sobald das gestohlene Menschenkind groß (und verdorben) genug ist, um für sich selbst zu sorgen, entlassen es die Feen in seine alte Heimat - wo es wie sein »Geschwister« ebenfalls nichts als Unruhe stiftet. Üblicherweise muss der Wechselbalg einer genaueren Untersuchung unterzogen werden, um ihn von einem menschlichen Säugling zu unterscheiden. Er weist oftmals irgendeine Form der Missbildung auf, die es aufmerksamen Eltern erlaubt, den Unterwanderungsversuch der Feen abzuwehren (sprich, das Koboldskind umzubringen).
Als Stellvertreter für die zahllosen Gestaltwandler der Mythen und Legenden sei hier zudem der Werwolf genannt, da sich in ihm die Angst vor der Unterwanderung deutlich manifestiert. Der freundliche Nachbar, mit dem man tagsüber ein Schwätzchen hält, verwandelt sich im Licht des Mondes in eine reißende Bestie, die nur Mordlust und Raserei kennt. Er streift seine menschliche Haut ab und offenbart sich als übernatürliches Monstrum, das unerkannt inmitten der eigenen Gemeinschaft lebt. Und wenn man schon den Leuten, mit denen man Tag für Tag Umgang pflegt, nicht trauen kann - ist es da verwunderlich, dass man Fremden erst recht mit großer Vorsicht begegnet?
Paranoia
Obwohl der Unterwanderer lange Zeit ein Schattendasein in Folklore und alten Märchen führte, trat er im 20. Jahrhundert - als alter Aberglaube längst überwunden geglaubt war - ins Licht einer breiten Öffentlichkeit. Die erste Welle von Verfolgungswahn, die um die Welt ging, war sicherlich der (im übrigen leider bis heute noch) weit verbreitete Glaube an eine jüdische Weltverschwörung. Womöglich bereitete diese absurde Idee auch den Boden für das Klima der Angst, das in den fünfziger Jahren vor dem Hintergrund des Kalten Krieges in den USA herrschte. Zwei Weltanschauungen prallten aufeinander, und die Furcht, die eigene Bevölkerung könnte den Verlockungen der fremden Ideologie erlegen, veranlasste Senator Joseph McCarthy zu einer antikommunistischen Kampagne, die sich letztlich zu einer wahren Hexenjagd auswuchs. Erst als McCarthy selbst Präsident Eisenhower als verkappten Kommunisten bezeichnete, nahm dieser Spuk, unter dem viele amerikanische Künstler (vor allem Filmschaffende) dieser Zeit erheblich zu leiden hatten, ein Ende.(...)
Thomas Plischke
Mehr zu lesen gibt es in der Nautilus 38
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