(...)
Das Totenorakel
Abseits jeder wissenschaftlichen Erklärbarkeit liegt der in allen Kulturen verbreitete Glaube an ein (wie auch immer geartetes) Weiterleben nach dem Tod - und an die Möglichkeit, mit den Verstorbenen in Kontakt zu treten. Dabei ging man seit der Antike davon aus, dass die Toten auch noch im Jenseits von den Leidenschaften, Ideen und Fähigkeiten ihrer früheren Existenz als Lebende begleitet würden. Großes Wissen und eine schier unergründliche Macht wurde daher vor allem den Seelen jener Verstorbenen zugeschrieben, die sich schon zu Lebzeiten mit der Zukunftsdeutung befasst hatten.
Auffällig ist die zu allen Zeiten belegte Vorstellung, dass es den Seelen jener Menschen, die man entweder nicht nach landesüblichem Brauch bestattet hatte, oder die gar einem Verbrechen zum Opfer gefallen waren, nicht vergönnt sei, Ruhe im Grab zu finden. Statt dessen streifen sie rastlos auf der Suche nach einer Linderung ihrer Qualen umher, die - je nach Ursache ihres Todes - sowohl in reuevoller Sühne als auch in blutiger Rache ihre Erfüllung finden kann:
Wenn der frostige Tod die Glieder gelöst von der Seele,
Zieht mein Schatten dir nach, wo du weilst, du büßest Verräter«
(Virgil)
Wie erwähnt, kam der Nekromantie gerade in der griechischen Antike eine nicht unbedeutende Rolle zu, wobei die bisweilen recht schaurigen Riten überwiegend an jenen Orten vollzogen wurden, die den Priestern als Eingang zur Unterwelt galten. Zum Abschluss der Beschwörungszeremonie wurde das Blut einiger - zumeist schwarzer - Opfertiere vergossen. Dieses sollte die Gestalten aus dem Schattenreich vorübergehend mit einem Hauch von Leben erfüllen und somit eine Antwort auf die an sie gerichteten Fragen sicherstellen.
Auch in Rom war das Totenorakel weit verbreitet - angeblich soll Nero sogar die Seele seiner ermordeten Mutter beschworen haben; und selbst in frühchristlicher Zeit fanden die dunklen Riten ungebrochenen Zulauf. Zwar ging es von nun an weitaus weniger blutig zu, doch sollen die Toten nicht nur durch die Kraft des Gebets, sondern auch mittels verbotener Zauberformeln herbeigerufen worden sein.
Ohnehin wollte die Kirche lange Zeit nicht ausschließen, dass es einigen Menschen möglich sei, über die Toten zu gebieten, schränkte dies aber gleichzeitig auf die verblichenen Überreste von Heiden und exkommunizierten Sündern ein, während jeder christlich Bestattete nach offizieller kirchlicher Lehrmeinung seine ewige Ruhe im Grab gefunden habe.
Im Mittelalter wurde die Nekromantie vor allem im lange maurischen Spanien praktiziert; und vielleicht ist es darauf zurückzuführen, dass die Totenbeschwörung bald darauf in weiten Teilen Europas Züge trug, die zumindest teilweise dem arabisch-orientalischen Kulturkreis entlehnt waren und die sich auf vielfältige Weise im Gebrauch von Totenreliquien, »Zauberpflanzen« und »magischen« Edelsteinen widerspiegelten.
Natürlich gab es auch lautstarke Kritiker der Nekromantie, wobei die interessanteste Gegenposition davon ausging, dass die Beschwörungszeremonien nicht die Toten aus den Gräbern rief, sondern vielmehr der Teufel in einer dämonischen Verkleidung auftrat, um die Menschen in die Irre zu führen.
Auch in der Neuzeit ist die Totenbeschwörung noch immer präsent: Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie vor allem in den damals neu aufgekommenen Geheimgesellschaften zelebriert, deren Ruf nicht von ungefähr oft denkbar schlecht war. Von dort aus breitete sich die Nekromantie in jenen - überwiegend amerikanischen - Zirkeln aus, die sich direkt an den scheinbaren Mitteilungen aus dem Geisterreich orientierten und davon ausgehend eine völlige Umgestaltung der menschlichen Gesellschaftsstrukturen erwarteten.
(...)
Wolfgang Sautter
Mehr zu lesen gibt es in der Nautilus 22
|