N A U T I L U S
Abschied von DNA

Mach’s gut - und danke
für den Fisch

Ein etwas persönlicher Nachruf auf Douglas Adams
Starship Titanic

Es war das gewaltigste Fiasko in der Geschichte der Galaxis. Der nagelneue Unwahrscheinlichkeitsgenerator des Sternenschiffs Titanic sollte sicher stellen, dass eine Panne unendlich unwahrscheinlich sei. Leider wurden aufgrund eines Rechenfehlers plötzlich alle Katastrophen unglaublich wahrscheinlich.
Das Schiff lief vom Stapel - und konnte gerade mal zwei Drittel seiner ersten Funkmeldung absetzen (»SO ...«), ehe es einen Existenzausfall erlitt und verschwand ... um einige Jahre später in einem Wohnzimmer notzulanden. Und zwar im Domizil des Spielers, der gerade das Computerspiels Starship Titanic gestartet hat. Ein höflicher Empfangsroboter bittet den Spieler an Bord des Luxusliners. Der Spieler trifft auf dem Schiff einen verrückten Papageien, ein übellauniges Rohrpostsystem, eine Bombe ... und Seltsameres.
Vor allem aber bekommt er es mit dem Roboterpersonal zu tun. Herz des Spiels ist ein Spracherkennungssystem, das etwa 10.000 Wörter und Redewendungen kennt. »Man muss mit den Robotern reden, um das Problem zu lösen«, beschrieb Douglas Adams das Spiel. Hinweise findet man nicht nur in der hervorragenden Grafik, sondern im Dialog mit philosophierenden Fahrstühlen und Barkeepern. Das ist für ein Computerspiel einmalig, nicht ganz einfach und daher gelegentlich auch frustrierend.
Das Buch zum Spiel vom Monty Python-Mitglied Terry Jones und das gleichnamige Hörspiel sind gut, viele Leser und Hörerschätzen es; das Computerspiel und seine seltsamen Roboter aber liebt jeder Spieler - bis zur Verzweiflung.
Im Grunde habe ich schon immer gewusst, dass Douglas Adams ganz plötzlich verschwindet. Ich habe mir vorgestellt, wie er eines Tages genug hat von quälenden Aufträgen und Termindruck, von Stress und vielleicht sogar von der Erde selbst. Er holt dann sein altgedientes Reisehandtuch aus dem Schrank, steckt den kleinen Babelfisch aus dem Goldfischglas ins linke Ohr und hält mit seinem Sub-Etha-Blinker ein Raumschiff an. Natürlich hofft er, nicht gerade an eine vogonische Bauflotte zu geraten, sondern an einen Sternenkreuzer, so dass er für weniger als dreißig Atair-Dollar am Tag die Galaxis bestaunt. Hauptsache, weit weg von diesem total aus der Mode gekommenen Spiralausläufer der Galaxis.
Das ist natürlich alles Unsinn. Aber es ist viel angenehmer, sich Douglas Adams irgendwo auf dem Weg zum sagenumwobenen Magratea vorzustellen, als zur Kenntnis zu nehmen, dass der Kultautor im Alter von 49 Jahren an einem Herzinfarkt verstorben ist. Als die Nachricht von seinem Tod am 11. Mai die Runde machte, wünschte ich mir eine Joo Janta Gefahrenabwehr-Sonnenbrille, deren Gläser sich bei schlechten Neuigkeiten augenblicklich schwarz verfärben und so verhindern, dass ihr Träger etwas Beunruhigendes bemerkt.
Es ließ sich nicht ignorieren. »Der Herzinfarkt«, kann man dazu im Reiseführer Per Anhalter durch die Galaxis nachlesen, »ist eine der häufigsten Todesursachen auf der Erde. Die Gefahr, von akutem Herzversagen dahingerafft zu werden, liegt auf diesem Planeten bei etwa eins zu zehn. Hingegen ist das Problem, dort vom gefräßigen Plapperkäfer von Traal verspeist zu werden, gleich Null, so dass ein Aufenthalt auf der Erde als größtenteils harmlos eingestuft werden kann.«
DNA
Douglas Adams wird oft als »Weltraumwitzbold« oder »Visionär« bezeichnet. Douglas Noel Adams wurde am 11. März 1952 in Cambridge geboren. Durch einen irrwitzigen Zufall wurde zur selben Zeit in der Cambridge University die Struktur einer Substanz entschlüsselt, die ebenfalls DNA abgekürzt wird: Desoxyribonucleinacid, Grundbaustein des Lebens. Im Anhalter wäre dies wohl eine Fußnote, vielleicht um den Hinweis ergänzt, dass etwas Grundsätzliches im Universum kaputt sein müsse.
Schon früh zeigt sich, dass Douglas Adams für ein normales Erdenleben ungeeignet ist: »Sie haben nie so genau ’rausgekriegt, ob ich ungewöhnlich begabt oder einfach bodenlos blöd war.« Nach absolvierter Schulkarriere, die in einem abgebrochenen Studium mündet, zeigen sich hartnäckig die bösartigen Tücken des Alltags - bei einer Körpergröße von 1,96 Meter kein Wunder: »Ich bin zu groß und Linkshänder. Immer habe ich Ärger damit ... Ich und die Welt, wir passen einfach nicht zusammen. Vielleicht fing ich deshalb an, die Dinge mit anderen Augen zu sehen.«
Nach einigen Gelegenheitsjobs als Leibwächter eines Ölscheichs, als Hühnerstallausmister und als Pförtner in der Röntgenabteilung eines Krankenhauses, allesamt nicht sonderlich befriedigend, aber schon einzeln Glanzstücke jeder Biographie, ist Douglas Adams plötzlich freier Autor für den Rundfunk der BBC. »Mein ganzes Leben lang faszinierte mich die Vorstellung, Schriftsteller zu sein, doch wie allen Schriftstellern gefällt es mir besser, etwas geschrieben zu haben, als wirklich zu schreiben.« Eine harmlose Schilderung eines Menschen, der zu vielem geschaffen war, aber nicht zum Schreiben, und der eine unglaubliche Begabung besaß, Abgabetermine unwiderruflich in den Sand zu setzen. Warum besitzt sein Erstlingswerk The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy keinen richtigen Schluss? Nachdem Douglas Adams sämtliche Mahnungen und Anfragen seines Verlages über Monate hinweg ignoriert hatte, gab man ihm eine halbe Stunde Zeit, um die angefangene Seite zu Ende zu schreiben, und schickte einen Motorradfahrer vorbei, der das Manuskript mitnahm.
Per Anhalter
So gesehen ist es ein Wunder, dass es Douglas Adams dennoch gelungen ist, einige der vielleicht bemerkenswertesten Bücher zu schreiben, die von den großen Verlagshäusern auf unserem Planeten jemals publiziert wurden - und es ist überhaupt kein Wunder, dass es in den letzten Jahren nicht mehr Bücher geworden sind.
Der Anhalter beginnt, legendär und bescheiden zugleich, auf einem Zeltplatz bei Innsbruck: Im Sommer 1971 bereist der achtzehnjährige Douglas Adams mit dem Reiseführer Per Anhalter durch Europa den Kontinent. Sturzbetrunken torkelt er eines Nachts über den Zeltplatz. »Plötzlich«, erzählt er später, »kippte ich um und fiel auf den Rücken. Als ich so dalag und in die Sterne schaute, dachte ich, dass jemand mal einen Führer Per Anhalter durch die Galaxis schreiben sollte.«
Dass die Wiese, der die Nachwelt diesen Geistesblitz verdankt, nur wenig später einer Autobahn weichen muss, findet sich in dem Roman wieder: Der Romanheld Arthur Dent entwickelt rasch ein dauerhaft gestörtes Verhältnis zu Umgehungsstraßen.
Die Folgen sind bekannt: Douglas Adams erinnert sich einige Jahre später wieder dieser Idee und schreibt in einer Periode, die er »sechs Monate Badewanne und Erdnussbutterbrote« nennt, unter zunehmenden Depressionen das Skript zur Anhalter-Radioserie - die binnen kürzester Zeit Kultstatus erreicht. Dem Hörspiel folgt der erste Roman, der binnen drei Monaten über eine Viertelmillion Exemplare verkauft. Heute hat die Gesamtauflage von Adams’ Büchern weltweit 16 Millionen Exemplare überschritten.
Wo Erfolg ist, darf auch Anfang der achtziger Jahre das Fernsehen nicht fehlen; doch irgendwie ist mit der Fernsehfassung des Anhalters niemand so richtig glücklich. Die sechsteilige Serie zeichnet durch drei Dinge aus: Erstens durch Douglas Adams nackten Hintern, der zu Beginn der zweiten Folge zu sehen ist. Außerdem durch die Umsetzung des Weltenbummlers Zaphod, der durch einen nicht funktionierenden zweiten Kopf und einen zweiten Hosenschlitz auffällt. Vor allem aber durch genial gefälschte Computergraphiken: Wenn der Reiseführer zu Wort kommt, erscheinen für die damalige Zeit unglaublich detailreiche Graphiken und Bilder voller witziger, aber winziger Anspielungen. Erst Jahre später gestand der Produzent, dass diese Bilder mitnichten am Rechner entstanden sind, sondern dass hier ein Zeichentrickfilm selbst Experten getäuscht hat.
Es folgen weitere Bücher in zusehends größeren Abständen. Der Anhalter wurde zusehends zur Last. »Die Leute sagten: “Und jetzt wieder was mit Zaphod”, aber ich hatte keine Lust, wieder was mit Zaphod abzuliefern.«
Aus und vorbei
Das Ende kam 1992. Acht Jahre nach dem letzten Anhalter-Roman und unzähligen Schwüren, nie wieder ein Wort zum Erfolgsthema aufs Papier zu bringen, liefert Douglas Adams den Roman Einmal Rupert und zurück ab, der bemerkenswert endet: Es gelingt den bürokratischen Vogonen, die Erde in sämtlichen denkbaren Universen unwiderruflich in die Luft zu jagen, so dass sich Adams allen Rufen nach einer Fortsetzung entzieht, indem er alle Romanfiguren umbringt. Eine Befreiung ist das jedoch nicht: »Schreiben ist ganz einfach. Du musst so lange auf ein Stück Papier starren, bis dir die Stirn blutet.« Die Schreibblockade bleibt; kein neuer Roman ist seitdem mehr erschienen.
War Douglas Adams wenn schon kein »Weltraumwitzbold« wenigstens der gewünschte »Visionär«? Einige überschwängliche Zeitgenossen bezeichnen mit Verweis auf den Reiseführer Adams als den Erfinder des Internets. Das ist definitiv falsch. Der Reiseführer in den Romanen ist ein elektronisches Buch mit begrenzter Speicherkapazität, so dass über die Erde nur das Stichwort »(größtenteils) harmlos« zu finden ist. Für 1979 ist diese Mischung aus Handheld-PC und Notebook mit eingebauter Enzyklopädie als Zukunftsvision gar nicht schlecht.
Wegweisend sind Douglas Adams’ Vorstellungen von Computertechnologie: Deep Thought, der Megarechner, hat ein eigenes Bewusstsein; die Erde entpuppt sich als gigantischer Supercomputer, dessen organisches Leben als Teil seiner Arbeitsmatrix fungiert. Inzwischen wird mit Computern auf - man beachte das Kürzel - DNA-Basis experimentiert, die schneller als herkömmliche Siliziumchips arbeiten.

Bemerkenswert ist schließlich noch der depressive Roboter Marvin: Ausgestattet mit dem »Echt Menschlichen Persönlichkeitsprofil« zeigt er, wie nervtötend Künstliche Intelligenz sein kann.
Doch alle technischen Spielereien erklären nicht den bahnbrechenden Erfolg von Douglas Adams’ Büchern. Mit seiner überdrehten »No Future«-Stimmung trifft der Anhalter den Zeitgeist: Es herrscht Kalter Krieg, die NATO stationiert neue Mittelstreckenraketen in Europa, in Deutschland demonstriert man gegen das Kernkraftwerk Wyhl. Und dann kommt einfach ein Buch daher, das schon nach vierzig Seiten die ganze Erde für eine sinnlose Hyperraum-Umgehungsstraße zum Teufel jagt. Im zweiten Band kommt alles noch viel schlimmer. Von Charles Darwin längst als Krone der Schöpfung diskreditiert, erfährt der Leser hier, dass er nicht mal vom Affen abstammt, sondern von einem Rudel unfähiger Irrer, deren Raumschiff auf der prähistorischen Erde zerschellt. »Es ist wurscht, was ihr euch von jetzt an vorgenommen habt.« erklärt Ford Prefect der jungen Menschheit. »Eure Zukunft ist bereits geschehen. Zwei Millionen Jahre stehen euch zur Verfügung, und damit hat sich’s. Am Ende dieser Zeit ist eure Rasse tot. Denkt dran, zwei Millionen Jahre!«
Die ganze Romanserie ist eine Horrorvision, wenn da nicht die großen, freundlichen Buchstaben auf der Rückseite des Reiseführers wären: »KEINE PANIK« drückt die eigentliche Botschaft aus: Es kann so schlimm kommen wie es will, wir wollen Spaß und Abenteuer und lauter so fetzige Sachen!
Mach’s gut, Douglas Adams, und danke für all den Spaß!
Wolfgang Sautter
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