Abenteuer inmitten von Dampf und Magie
Steampunk
Vortrag vor der Royal Martian Geographical Society am 27. 12. 1889
»Es gibt dampfgetriebene Auto-Mobile, dampfgetriebene Motor-Räder, Dampfspielzeuge, Dampfhelikopter, Dampfkanonen, Dampfgewehre und dampfgetriebene Haushaltsgeräte. Wenn man es schafft, einen Kessel und einen Schlot an ein Gerät anzuschliessen, kann man getrost davon ausgehen, dass es in Neuropa einen Käufer finden wird.«
- Castle Falkenstein
Hochverehrtes Publikum, guten Abend,
Steam: Man stelle sich vor: Eine Runde von wohlgesitteten Gentlemen sitzt in einem holzgetäfelten Salonwagen und dampft quer durch Europa. Und sie spielen eine Partie Whist.
Punk: Nein, die Herren lassen sich jetzt nicht zu liederlichen Orgien hinreissen, und nein, noch immer sitzen sie gerade in den Plüschsesseln. Aber nun befinden sie sich in einem holzgetäfelten Raumschiff, das den Mars ansteuert. Und sie spielen eine Partie Whist.
Steampunk, meine Damen und Herren, hat man sich vorzustellen, wie einen originellen Drink mit den richtigen Zutaten. Es ist die Verbindung von Technik mit Stil, dem Zukünftigen mit unserer viktorianischen Zeit. Apparate, die durch die Luft fliegen und selbst unter Wasser vorankommen - und alles mit Hilfe von verdampften Wasser.
Das Wesen dieses Genres besteht allerdings nicht nur aus Differenzmaschinen und dampfbetriebenen Flugapparaten. Das Besondere entsteht in der Kombination der technischen Wundergeräte mit unserer Welt im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert, einer etwas fremden und exotischen, aber zugleich stilvollen Zeit. Wie weit die Spielwelt der Unsren gleichen muss, ist damit allerdings nicht festgelegt, denn das Bekannte stellt nur den Anfang dar. Beispielsweise könnte man sich auch eine ganz und gar verschiedene mit mythischen Gestalten durchsetzte Parallelwelt vorstellen. Eine ferne Welt, die in ihrer Entwicklungsgeschichte zu einem Dampfzeitalter vorgestossen ist.
Der Rundgang durch die Welt des Dampfes soll daher mit den fantastischen Rollenspielen beginnen:
Space 1889
Bereits vor einigen Jahren machte GDW mit Space 1889 den Anfang. Hier findet man all jenes verwirklicht, was Jules Vernes geschrieben haben könnte, H.G. Wells hätte schreiben sollen und Conan Doyle gedacht aber nie veröffentlicht hat, weil es zu phantastisch war.
Die Spieler befinden sich gerade hinter jener Schwelle der Menschheitsgeschichte, die durch den Aufbruch ins All markiert wird. Mit Hilfe eines besonderen Holzes, dem Liftwood, vermag ein Raumschiff sich in die Lüfte zu erheben, um dann im Äther zu Kolonien auf Mars und Venus vorzustossen. Zahlreiche Abenteuer- und Zubehörbände, ja sogar Strategiespiele sind als Ergänzung erschienen. Dennoch, die Zeit war wohl noch nicht reif für Space 1889: GDW stellte die Produktion kurzerhand wieder ein.
Trotzdem kann an dieser Stelle die gute Nachricht verkündet werden, dass sich Heliograph Inc., die sich als Herausgeber der Steampunk-Zeitschrift Transactions of the Royal Martian Geographical Society einen Namen gemacht hat, des Spieles angenommen hat und Nachdrucke der alten Bände verlegt.
Castle Falkenstein
Ist bei Space 1889 die Technik zwar wesentlich von der uns Bekannten abgewichen, so sind die politischen und historischen Komponenten der Welt doch der Unsren noch recht vergleichbar. Als Vertreter einer Parallelwelt mit Elfen, Zwergen, dem verrückten Bayernkönig Ludwig und dergleichen ist Castle Falkenstein - das unter den Steampunkspielen wohl der bekannteste Vertreter sein dürfte - auch das einzige Spiel, das in deutscher Übersetzung vorliegt. Mehr dazu im ausführlichen Castle Falkenstein-Feature auf Seite 44.
Forgotten Futures
Das »Inter-Netz« scheint es den Dampfbegeisterten besonders angetan zu haben, denn gleich zwei interessante Projekte fanden dort ihren (fanischen) Beginn. Zum einen wäre da Forgotten Futures von Steampunk-Veteran Michael L. Rowland. Nach dem Untergang von Space 1889 schuf er sich ein ganz eigenes System, für das er das bekannte Shareware-Prinzip erstmals auf ein Rollenspiel übertrug: Hol es gratis aus dem Netz, und bezahl es, wenn es Dir gefällt.
Hinter dem Namen verbirgt sich eine ständig erweiterte Reihe von inzwischen bereits sechs verschiedenen Hintergründen, die thematisch in sehr engem Zusammenhang stehen.
Die ersten Kampagnen stützen sich auf das Werk technisch angehauchter Autoren des 19. Jahrhunderts. FF 1 etwa basiert auf Kiplings Flug-Apparat-Utopie, FF 3 hat in seinem Mittelpunkte Arthur Conan Doyles Erfindergenie Professor Challenger. Diejenigen Leser, die die zugrundeliegenden Geschichten nicht kennen, finden sie in elektronischer Form als Paket anbei.
Bei späteren Hintergründen löst sich Rowland von einzelnen Autoren und verlegt sich auf rein thematische Rahmen. Unter dem Namen »Goodbye Piccadilly ...« etwa versammeln sich in FF 5 verschiedene Texte, die sich um den Untergang und die Zerstörung Londons drehen: Vulkanausbrüche, Horden von Dinosauriern, Schneestürme und einfallende Yankees - das Übliche also.
Nachteilig ist, dass man das Spiel wegen des ungewöhnlichen Vertriebssystems selbst ausdrucken und darüber hinaus mit vielen ungesetzten Textdateien hantieren muss. So ist es mehr als erfreulich, dass Autor Rowland den Sprung zurück zum gedruckten Wort endlich doch wieder vollzog und Forgotten Futures nun nach und nach in gedruckter Form erhältlich sein wird. Seien wir doch ehrlich: Wer mag nicht lieber in einem richtigen Buch lesen?
Thyria
Ziel des zweiten Internet Projekts ist es, Thyria, eine komplette Steam-Fantasy-Welt zu kreieren und gratis einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Auch wenn die Seite stets in Erweiterung und Umgestaltung begriffen sind, so ist schon jetzt ein reizvoller Umriss erkennbar. Die Kulturen auf dem liebevoll gestalteten Kontinent Yarthe befinden sich in einer Zeit, die so in etwa mit unsrem 19. Jahrhundert zu vergleichen wäre - nur eben wiederum mit deutlichem Fantasyeinschlag. Geplant ist ebenfalls eine gedruckte Version, für die die bisherigen Texte komplett neu geschrieben werden sollen.
(...)
Weiteres über Steampunk-Literatur und Steampunk auf der Leinwand lesen Sie in der Nautilus 11.
Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Nathanael Busch
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