N A U T I L U S
Die fantastischen Welten von Barbara Hambly

Schwarzer Drache



»Wir verändern das, was wir berühren, ob es sich nun um Magie handelt oder Macht oder ein anderes Leben.«
- Jenny, in: Der Schwarze Drache



Es gibt wenige Schriftstellerinnen, deren Gesamtwerk so zwiespältig erscheint wie das von Barbara Hambly: Auf der einen Seite stehen Fantasywelten, die man einmal besucht und auf denen man von da an immer zu Hause sein wird - Kind des Lichts und Der Schwarze Drache sind typische Beispiele dafür. Auf der anderen Seite stehen bibliophil verfasste Gruselromane oder Auftragsarbeiten zu Media-Ereignissen wie Star Wars und Star Trek.

Wie geht Barbara Hambly an das Erstellen von Charakteren heran? Die Autorin erklärt, dass sie mit jeder Figur einen bekannten Schauspieler verknüpft. Sie stellt sich vor, wie ein bestimmter Darsteller mit der erfundenen Figur verschmilzt: So sieht sie zum Besipie Harrison Ford als James Asher, Nicolas Cage als den Vampirfürsten Ysidro und Tom Baker als Zauberer Antryg Windrose. Dieses Verfahren erlaubt es ihr, ihre Schöpfungen beinahe tatsächlich zu hören und zu sehen. So kann sie ihr Verhalten glaubhaft schildern, während sie schreibt - und das macht diese Charaktere so lebensecht.

Barbara Hambly einer bestimmten Richtung zuzuordnen, ist schwierig, denn bisher liegt eine bunte Mischung von Romanwelten vor - Hambly ist vielseitiger, als man es Fantasy-Autoren gewöhnlich zutraut.
Bei Hambly gibt es nur wenige gemeinsame Merkmale in ihren verschiedenen Büchern. Typisch ist aber zum Beispiel die Überschneidung zweier Welten. Dies kann sehr offensichtlich sein: Im Crossover Gefährtin des Lichts schafft diese Überschneidung lediglich die Ausgangslage für eine spannende Geschichte. In Die Chroniken von Windrose dagegen können in konsequenter Fortführung die Charaktere zwischen verschiedenen Welten wechseln.

Aber die Überschneidung zweier Welten kann auch subtilerer Art sein, indem sie unterschiedliche Lebensentwürfe von Charakteren aus einer Welt miteinander konfrontiert - so in Der Schwarze Drache und in Jagd der Vampire. Barbara Hambly hat ein Faible für düstere, im Niedergang begriffene Welten und Kulturen, in der die Helden nur noch versuchen, diesen Niedergang aufzuhalten.
Besonders gut gefällt auch die unaufdringliche Gleichberechtigung der Charaktere: Hambly hat eine Darstellung des Geschlechterkampfes gar nicht nötig: Ihre Frauen brauchen nicht ständig von Gleichberechtigung zu reden, da sie gleichberechtigt sind. Gerade das macht ihre Figuren so sympathisch und nachvollziehbar, egal, ob nun ein Mann oder (wie meistens) eine Frau die Hauptrolle spielt. In Hamblys Romanen sind die Geschlechter auf der Suche nach Vollendung, nach Symbiose, nach gegenseitigem Ausgleich der stets vorhandenen Schwächen und Nachteile des einzelnen Individuums.

Neben ihren eigenen Welten hat Barbara Hambly auch Beiträge zu populären fremden Universen geleistet (siehe dazu auch das Interview nach diesem Artikel). Im Rahmen der Star Trek-Romane liegen bislang drei Bücher vor: Die »im Grunde höchst einfältige« (so Hambly selbst) Geschichte um Ishmael (die auch ein bisschen Spaß mit Spock enthält) sowie die anspruchsvolleren Ghost Walker und Kreuzwege (Crossroad). Der Roman Kreuzwege ist besonders empfehlenswert, nicht nur, weil ein Raumschiff namens »Nautilus« eine Rolle spielt, sondern auch, weil es um eine Relativzukunft und um die Telepathen von Tau Lyra III geht.

Auch zu Star Wars hat Hambly zwei Romane verfasst: Palpatines Auge, die Luke eine (leider) hoffnungslose Romanze mit einer Jedi beschert und ihn mit einer Waffe des toten Imperators konfrontiert, die zum gefährlichen Irrläufer geworden ist, und der soeben auf deutsch erschienene Planet des Zwielichts. Und nicht zuletzt hat Hambly auch für phantastische Fernsehserien gearbeitet: In den 80er Jahren wurde Linda Hamilton als schauspielernde »Schöne« zusammen mit Ron Perlman als Die Schöne und das Biest auf dem Bildschirm populär, und diese Popularität führte auch weibliche Größen anderer Medien zu dieser Serie: Barbara Hambly schrieb Begleitromane zu Die Schöne und das Biest, Wendy Pini (Elfquest) zeichnete Comics dazu.
Dieser Artikel aber soll von Hambly selbst erschaffene literarische Spielwiesen vorstellen: Drei davon seien hier beispielhaft beschrieben - alle drei zeichnen sich dadurch aus, dass man sie leicht überschauen, aber nur sehr schwierig durchschauen kann; hier gibt es noch viele Abenteuer zu erleben.

Die klassische Fantasy-Welt:
Darwath
In drei Ausgaben, zunächst als Paperback, dann als Jubiläumsausgabe, mittlerweile als über tausend Seiten starkes Taschenbuch, hat Bastei seit 1982 die wohl bekannteste und erfolgreichste Fantasy-Welt Barbara Hamblys unter dem Titel Gefährtin des Lichts dem deutschen Publikum vorgestellt: Darwath, eine Welt, die von der bedrohlichen Gefahr der »Dunklen« heimgesucht wird, und in der sich die Kirche immer stärker gegen die Magie und gegen alle, die sie hinnehmen oder gar anwenden, stellt. Neben Gefährtin des Lichts (Time of the Dark / The Walls of Air / The Armies of Daylight) ergänzen die in sich abgeschlossenen Romane Mutter des Winters (Mother Of Winter, 1996) und Die Odyssee des Eisfalken (Icefalcon’s Quest, 1994) diesen populären Weltenschauplatz.

Darwath liegt in einem anderen Universum, hat aber verwirrenderweise die gleichen Sternbilder wie die Erde. Dies müssen die Erdenmenschen Gil Patterson und Rudy Solis feststellen, als es sie in diese fremde Welt verschlägt. Herbeigebracht hat sie der weißbärtige Zauberer Ingold Inglorion (ein Name, der Tolkiens Mittelerde entstammt). Gil ist eigentlich eine Mediävistik-Studentin, d.h. sie beschäftigt sich mit dem Mittelalter - sehr zum Entsetzen ihrer Eltern, die ihre Tochter anständig verheiraten möchten: Sie befürchten, kein Arzt werde eine Geisteswissenschaftlerin heiraten. Rudy hingegen hat neben einem Faible für Motoren und Motorräder ein großes künstlerisches Talent, das ihn zum Experten für Spritzpistolenmalerei (auf Karosserien) gemacht hat.
Gil und Rudy verbindet anfangs nichts außer ihrer gegenseitigen Abneigung und dem Umstand, dass sie in Kalifornien wohnen und Ingold Inglorion über den Weg laufen. Der Magier musste nämlich aus Darwath fliehen, um den Erbprinzen des Reiches vor den »Dunklen« zu schützen. Aber eines dieser amorphen Wesen verfolgt ihn bis auf die Erde! Er kann zwar gemeinsam mit Gil und Rudy die Kreatur bekämpfen, aber er muss die beiden mit zurück in seine eigene Welt nehmen.
Gil, was in der Sprache des Wathvolkes soviel wie »Eis« bedeutet, erweist sich recht bald als begabte Kriegerin und erhält den Namen »Speer von Eis« (gil-shalos).
Das Reich von Darwath grenzt mit der Region Penambra im Süden an das Reich von Alketch an. Alketch, das von Priesterkönigen des Aufrechten Gottes regiert wird, hat seit jeher ein Auge auf Penambra geworfen. Dementsprechend stehen die Reiche Alketch und Darwath in latenter Feindschaft oder zumindest in Konkurrenz.
Zentrum Darwaths ist Gae, die Hauptstadt, von der die Könige aus dem Geschlecht der Dare regieren. Gae verfügt natürlich über eine eigene Bischöfin namens Govannin Narmenlion. Der Braune Fluss durchfließt Gae und das ganze Zentralland des Reiches. Dieses Zentralland umfasst auch die Bergkette des Großen Schneegebirges; hier befindet sich auch die alte Gebirgsfestung Renweth, Heimat derer von Dare, die auch als »eisiger Höllenschlund« bezeichnet wird und um die man sich jahrelang nicht gekümmert hat. Karst, eine wohlhabende Gebirgsstadt, war lange Zeit die Sommerresidenz des Reiches und wurde kurzzeitig zum Sammelpunkt aller aus Gae Geflohenen, als die Dunklen die Hauptstadt überrannten.
Südlich Gaes residieren in Penambra der Statthalter des Hohen Königs sowie ein eigener Bischof (zum Handlungszeitpunkt Maia von Thran); von Penambra aus hat Darwath Zugang zum Runden Ozean. Die Provinzen im Osten des Reiches sind fruchtbar durch den Gelben Fluss, der sie durchfließt. Die Landherrin Degedna Marina und ihre Vasallen sorgen hier dafür, dass die Gesetze des Reiches anerkannt werden. Westlich der Berge befindet sich Gettlesand, wo Landherr Tomec Tirkenson herrscht.
Die Nordprovinz regiert Landesherr Harl Kinghead, doch sein Gebiet wird seit alters her durch die barbarischen Weißen Räuber in Atem gehalten, die es zu Raubzügen durchstreifen und auch bis nach Gettlesand gelangen. Innerhalb dieser Provinzen gibt es noch eine Reihe anderer Landherren; unter ihnen ist traditionell der mächtigste der Prinz von Dele, der aber als einer der ersten den Dunklen zum Opfer fällt.
In der Stadt Quo am Ufer des Westlichen Ozeans, 2000 Meilen von Gae entfernt und durch Hochebene und Wüste davon getrennt, residiert der Rat der Zauberer. Ihm steht Lohiro, der Meister von Quo, vor, und in den dunklen Labyrinthen von Forns Turm lagern Geschichtsunterlagen und geheime Dokumente aus allen Epochen. Forns Turm beherbergt somit den größten Wissensschatz des Landes.
Zauberei funktioniert in Darwath mittels einer angeborenen Begabung, weiterhin einer Spielart des »wahren Namens« (die jedoch anders beschaffen ist als die Namensmagie in Ursula Le Guins Erdsee) und mittels der Wirkkraft verschiedener Zauberrunen: Es gibt eine Kettenrune, eine Rune der Verschleierung und viele mehr.
Als die Dunklen Darwath bedrohen, verbergen die Zauberer Quo vor der Welt und beschließen, erst wieder zurückzukehren, wenn sie herausgefunden haben, wie der Gefahr zu begegnen ist. Nur wenige erfahrene Zauberer wie Bektis oder Inglorion halten sich zu diesem Zeitpunkt in der Welt auf, doch sie stehen gegen die Dunklen alleine und hilflos da, weil ihre Magie nicht die angestrebte Wirkung auf diese Wesen hat. Offenbar sind die Dunklen gegen diese Art der Zauberei gefeit.
Und das Schlimmste von allem: Die Verliese der Dunklen, ihre Städte und Orte des Exils, liegen stets dort, wo sich zuvor auch die Menschen angesiedelt hatten. Denn in Darwath entstehen solche Siedlungen niemals rein zufällig an einem bestimmten Platz, es handelt sich stets um Orte der Macht ...

Darwath wird noch von mindestens zwei anderen Völkern bewohnt:
Die Dooer sind halbmenschliche Wesen, entfernt den Neandertalern ähnlich. Sie werden von vielen als minderwertige Rasse angesehen und als Diener versklavt. In einigen Gebieten leben sie in regelrechten Horden zusammen, anderswo nur vereinzelt oder in Kleinfamilien. Sie waren für die Menschen nie eine echte Bedrohung.
Anders die zweite Gruppe nichtmenschlicher Bewohner: Die Dunklen oder »Isueg« (in einer alten Sprache Darwaths), suchten Darwath schon vor 3.000 Jahren heim, sie zerstörten die zahlreichen alten Reiche im Tal des Braunen Flusses, an den Ufern der Runden See und des Westlichen Ozeans, in der Wüste von Alketch ebenso wie im Dschungel. Die Dunklen beherrschten die Welt 300 Jahre lang, ehe sie urplötzlich wieder verschwanden - unter die Erde, endlose Treppen hinab in ihre Schattenstädte, wo sie Menschen und Dooer als Sklaven halten. Sie ernähren sich vom Fleisch und vor allem von der Seele und dem Geist der anderen Lebewesen der Welt Darwath, weswegen sie auch eine so große Bedrohung für die Menschen darstellen. Die Dunklen selbst sind, wie Ingold Inglorion es einmal ausdrückt, nicht materiell und nicht vollständig sichtbar. Shoggoten und Große Alte aus Lovecrafts Phantasie verschmelzen hier mit moderneren Monster-Mythen á la Alien I, die nie vollständig sichtbar werden. Da man die Dunklen niemals wirklich erkennen kann, behalten sie stets ihren Schrecken und flößen ihren Gegnern (und dem Leser) Furcht ein. Dennoch stellt Barbara Hambly sie nicht einfach als simple Monstren dar, sondern haucht ihnen Leben und Kultur ein. Dass sie für die Menschen tödlich bleiben und dennoch mehr als nur Menschenfresser sind, ist eines der vielen Details, die Gefährtin des Lichts so lesenswert machen.
(...)
Alexander Huiskes

Mehr zu lesen über die zerfallene Welt: Winterlande und das irdisches Heimspiel: Viktorianische Welt sowie ein Interview gibt es in der Nautilus 11.

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