Pratchett in Deutschland ...«
Interview mit
Terry Pratchett
Anlässlich seiner Lesereise äusserte sich Terry Pratchett im Interview
mit der Nautilus zum Thema Fans, Übersetzungen, Harry Potter, Religion und Prinzipien - und auch zur Scheibenwelt ...
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Terry
Pratchett
Terry Pratchett, der früher leidenschaftlich fleischfressende Pflanzen züchtete, wurde am 28. April 1948 in Beaconsfield, westlich von London geboren. Er ist seit 1968 verheiratet und hat eine Tochter. Seine erste Kurzgeschichte schrieb er bereits mit 13 Jahren. Pratchett war als Journalist, Pressesprecher für einen grossen Elektrizitätskonzern und als Cartoonautor tätig, bevor er mit der Scheibenwelt-Reihe den Durchbruch erzielte. Pratchett, der 1998 anlässlich der Ehrung zum Geburtstag der Queen zum »Offizier auf Befehl des britischen Empire« ernannt wurde, hat weit über 30 Romane und Kurzgeschichten geschrieben. |
Für alle Scheibenwelt-Fans stand im September diesen Jahres das Gross-Ereignis schlechthin an: Terry Pratchetts Lesereise durch Deutschland. Die Nautilus ergriff die Gelegenheit, den Altmeister der humorvollen Fantasy zum Umgang mit dem Internet, Übersetzungsproblemen und dem Phänomen Harry Potter zu befragen. Und natürlich verriet der Bestsellerautor auch einige Interna zu seinen aktuellen Buch-Projekten ...
Nautilus: Sie haben bei dieser Tour schon drei oder vier Lesungen hinter sich ...
Pratchett: Ich gebe keine Lesungen. Ich gebe Signierstunden, und manchmal mache ich anschliessend Fragestunden.
Nautilus: Ich nehme an, Ihre Fanpost und Ihr Kontakt zu Fans muss sich durch das Internet enorm vermehrt haben
Pratchett: Oh, ja, absolut. Häufig kommt es mir so vor, als fände das Fandom hauptsächlich im Internet statt.
Nautilus: Hat das Internet die Distanz zwischen Autor und Leser verringert?
Pratchett: Ich denke, diese Distanz war nie sehr gross, zumindest nicht im Bereich der Science Fiction und Fantasy. Es hat hier schon immer eine Tradition des Austauschs zwischen Autor und Fan gegeben. Und das Fandom war schon immer eine Art sozial akzeptierte Form von Copyrightverletzung. Denken Sie nur an die ganzen Fan-Stories, an Fans, die ihre eigenen T-Shirt bedrucken. Und es ist sehr schade: Es gab eine Zeit, in der jedem die Regeln klar waren, und das ist den Leuten heute nicht mehr so klar, und es geht auch um viel mehr. Es gibt Leute da draussen, die denken »Oh, Mann, ist diese Geschichte toll, ich wünschte, all meine Freunde könnten sie lesen. Am besten, ich scanne sie mit meinem Scanner ein und stelle sie auf meine Homepage. Dem Autor macht das bestimmt nichts aus, schliesslich ist es eine gute Werbung für seine Bücher.« Aber meistens macht es dem Autor eben doch etwas aus.
Und ich glaube, dass es vor allem die Fantasy- und SF- Autoren sind, die an vorderster Front mit diesem Problem zu tun haben. Wir haben z.B. noch nie richtig darüber nachgedacht, wie wir in Copyright-Fragen mit dem Internet umgehen müssen. Die meisten Scheibenwelt-Künstler z.B. wissen, dass ihre Zeichnungen auf vielen, vielen Homepages verwendet werden - und für sich selbst gesehen macht es ihnen, glaube ich, nicht viel aus, solange diese Bilder nicht vervielfältigt oder veröffentlicht werden. Und das, obwohl diese Zeichnungen oft in einer Qualität und Grösse angeboten werden, dass es lohnt, sie herunterzuladen, um Poster daraus zu machen. Ich finde diese Einstellung der Künstler sehr bemerkenswert, denn schliesslich leben sie von ihrer Kunst. Wir alle müssen uns anpassen und Zugeständnisse machen, denn schliesslich wollen alle - sowohl die Fans als auch der Autor - dass das Fandom weiterlebt. Naja, jedenfalls gibt es jetzt Probleme, die es früher nicht gab.
Nautilus: Ihre deutschen Fans beschweren sich immer mal wieder über die Übersetzungen Ihrer Bücher.
Pratchett: Gerade gestern gab es bei meiner Lesung eine Diskussion darüber. Ich glaube, wenn man darüber abstimmen würde, käme als Ergebnis nicht heraus, dass die Bücher schlecht übersetzt sind, sondern dass der Übersetzer sein bestes unter den gegebenen Umständen tut. Und diese Umstände sind nun einmal, dass die englische Sprache für subtile Nebenbedeutungen und Wortspielereien geeignet ist, während Deutsch dazu geeignet ist, schnelle Autos zu bauen. Deutsch ist eine sehr präzise Sprache, und Englisch ist das ganz und gar nicht. Ich glaube, einer der vielen Gründe, warum Englisch zu einer Weltsprache geworden ist, besteht darin, dass man nur sehr wenig Wörter kennen muss, um sich verständlich zu machen. Und das funktioniert, weil unsere Grammatik so schwach sind, dass sie fast nicht vorhanden ist.
Eigentlich bin ich nur mit der Übersetzung der Titel nicht besonders zufrieden, aber ich glaube, das ist nicht seine Schuld. Ein weiteres Problem ist, dass die meisten Fans - vielleicht in Deutschland weniger, als in anderen Ländern - zweisprachig sind. Und so ist jeder Fan auch ein Übersetzer, und jeder Fan meint, er wäre ein besserer Übersetzer als der wirkliche.
Nautilus: Lassen Sie uns über ein aktuelles Phänomen reden: Wie stehen Sie zu J. K. Rowling und ihrem plötzlichen, sensationellen Erfolg. Empfinden Sie sie als Rivalin auf den Bestsellerlisten oder erkennen Sie weitreichendere, positive Auswirkungen der Harry Potter-Manie?
Pratchett: Zu allererst ist zu sagen, dass sie gewöhnlich als Kinderbuchautorin angesehen wird und ich nicht.
Rivalin ist ... hmm, das impliziert, ob ich durch J.K. Rowling weniger Bücher verkaufe, und das glaube ich nicht im geringsten. Eigentlich ist es vielleicht sogar genau umgekehrt: Die Kinder lesen die Harry Potter-Bücher, Fantasy-Romane mit bunten, lustigen Covern. Aber es gibt nur vier davon, und so kommen sie in die Buchhandlungen und sehen da das ganze Regal voll mit lustigen Fantasy-Covern. Ich will nicht sagen, dass meine Verkaufszahlen durch Harry Potter gestiegen sind - das tun sie schon seit Jahren beständig - aber auch jeden Fall haben die Bücher nicht geschadet. Es gibt da also keine Rivalität.
Ich muss aufpassen, wie ich mich ausdrücke, ich möchte nicht den Eindruck erwecken, ich wollte etwas hässliches über Harry Potter sagen. Die Sache ist die: Es wird eine Menge Rummel um diese Bücher gemacht, aber lange bevor die Journalisten Harry Potter entdeckt haben, haben die Kinder ihn entdeckt. Journalisten achten niemals darauf, was Kinder lesen, bis etwas so Grosses passiert, dass sie es nicht mehr ignorieren können. Und erst, als die Journalisten Harry Potter wahrgenommen haben, begann der ganze Rummel. Wenn Sie viele Kinderbücher gelesen haben, werden Sie wissen, dass Bücher über junge Hexen und Zauberern, die auf die Schule gehen, fast ein eigenes Genre darstellen. Viele Journalisten haben das aber als völlig neue und brillante Idee verkauft - obwohl es eine ganze Menge ähnlicher Bücher gibt.
Es gibt nicht viele neue Zutaten in den Potter-Romanen, aber andererseits ist die Welt auch voller Rezepte für Kuchen, und obwohl da eigentlich immer die gleichen Dinge enthalten sind - Mehl, Zucker, Eier etc. - kommt immer mal wieder jemand daher, der genau das richtige Rezept entdeckt hat und einen sehr erfolgreichen Kuchen daraus backt. Genau das ist hier geschehen.
Man sollte jedoch folgendes nicht vergessen: Wenn wir schon immer Kinderbücher in die Bestsellerlisten für Erwachsenenbücher aufgenommen hätten, hätte sich zum Beispiel der verstorbene Roald Dahl jede Woche in ihnen wiedergefunden. Er kam nicht in diese Listen, obwohl er unglaublich viele Bücher verkauft hat, weil Bestsellerlisten nicht so funktionieren. Harry Potter ist jetzt hauptsächlich wegen des ganzen Rummels in den Bestsellerlisten, weil es einfach zu dem Harry Potter-Phänomen gehört. Wenn Sie die Bestsellerlisten für Kinder und Erwachsene verfolgen, werden Sie feststellen, dass von den Spitzenreitern bei den Kinderbüchern bei weitem mehr verkauft werden, als von den Erwachsenenbüchern, einfach weil mehr Kinder als Erwachsene Bücher lesen. Dieses ganze Harry-Potter-Phänomen hat also viele unterschiedliche Aspekte, und ich weiss nicht, ob davon alle für Frau Rowling so positiv sind. Ich habe vor einiger Zeit ein Foto von ihr gesehen, dass bei der Werbetour für ihr letztes Buch aufgenommen wurde, und sie sah nicht sehr glücklich aus. Sie wirkte auf mich, als würde sie gerade denken, »Oh, shit, was ist nur mit meinem Leben passiert!«
Ich kann das sehr gut nachvollziehen, aber ich war früher selbst ein Fan und weiss, wie das Fandom funktioniert. Daher macht mir dieser Trubel sicher weniger Angst als jemandem, der das überhaupt nicht kennt. Wenn zu einer Autogrammstunde von mir jemand kommt, der als Tod verkleidet ist - und das passiert gar nicht so selten - dann signiere ich ihm eben seine Sense. Ich würde aber nicht erschreckt zurückzucken - so ist das Fandom halt.
(...)
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Das Interview führte Rainer Gladys
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