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N A U T I L U S
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| »Der katholischen Kirche gefällt nicht, was ich geschrieben habe ...«
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Bernhard Hennen Der vielgereiste, ehemalige Archäologiestudent verdiente sich seine ersten schriftstellerischen Meriten als Redakteur der ZauberZeit, dem Vorgänger der Nautilus. Schon bald folgten Abstecher zum Rundfunk in Köln. Auch das Fantasy-Rollenspiel Das Schwarze Auge, deren Stammredaktion er angehört, wurde zu einem Meilenstein in seinem Leben. Mit der Phileasson-Rollenspiel-Tetralogie (unter dem Titel Die Phileasson-Saga gerade neu aufgelegt) gelang es ihm 91/92 sowohl den ZauberZeit-Leserpreis, als auch den DASA (Deutsche Abenteuer Spiele Auszeichnung) zu gewinnen. Mit dem Roman Das Jahr des Greifen - Der Sturm, den Hennen zusammen mit Wolfgang Hohlbein verfaßte, gelang es ihm 1994 erneut, die DASA-Auszeichnung zu erlangen. Bernhard Hennen |
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| Der Wind trieb mir letzte Schneeflocken ins Gesicht, als ich das Haus erreichte, dessen Nummer auf dem zusammengefalteten Zettel in meiner Hosentasche stand. Ein Altbau, irgendwo in Köln-Klettenberg, dessen Erdgeschoß sich ein Tattoo-Laden und ein angestaubtes Briefmarkengeschäft teilen. Bernhard Hennen wohnt im dritten Stock, direkt unter dem Dach. Eine Treppe mit dunklem Holzgeländer führt vorbei an diversen Reproduktionen alter holländischer Meister, bis hinauf zum obersten Treppenabsatz, wo mich eine brummelige Tigerkatze erwartet und mit mir zusammen in die Wohnung huscht. Der helle Holzboden, das gelbe Licht und die Wärme bilden einen angenehmen Kontrast zu den Windböen, die das Dach knirschen lassen. Es wirkt gemütlich, und kaum habe ich meinen Mantel abgelegt, bekomme ich eine Tasse Tee in die Hand gedrückt und werde ins Arbeitszimmer geführt. Die Rückwand wird von einem Regal eingenommen, das bis unter die Decke reicht. Ein El Dorado für Leseratten! Hier findet sich alles Mögliche, von Bildbänden über die Sahara und archäologischer Fachliteratur zum antiken Rom, bis hin zu Bücher über Handlesen, ein spätbarockes Fechtbuch, Gesamtausgaben von Poe und Balzac, Hemingway neben Hohlbein, Disney und Dumas, Mythologie- und Märchenbücher ... Irgendwann schreckt mich ein leises Räuspern auf, und ein wenig verlegen nehme ich an dem Schreibtisch Platz, der von Farbtöpfen, Zinnfiguren und aufgeschlagenen Büchern schier überquillt, um das Interview zu beginnen ... Nautilus: Im Mai erschien im Heyne Verlag Ihr neuer Aventurien-Roman Die Nacht der Schlange. Er ist in der Stadt AlAnfa im tiefen Süden des Fantasy-Kontinents angesiedelt. Handelt es sich dabei um eine Fortsetzung Ihres letzten Romans Das Gesicht am Fenster? Hennen: Nein, jedenfalls nicht direkt. Die Hauptfiguren sind völlig neue Charaktere, doch am Rande gibt es etliche Anspielungen auf meine Romane, die bislang in AlAnfa spielten. So finden sich zum Beispiel Gion, ein Gefährte des Haupthelden aus Das Gesicht am Fenster, oder der Kommandant der Stadtgarde, Oboto Florios, wieder. Doch abgesehen von diesen Details steht der Roman für sich alleine. Natürlich ist er dabei eingebettet in die aventurische Geschichte. Der Roman spielt vor der Schlacht an der Trollpforte, und AlAnfa sieht sich mit den Auswirkungen der Diplomatie des Dämonenmeisters Borbarad konfrontiert. Nautilus: Das Buch spielt also wie die Greifenfurt-Trilogie und die Trilogie Drei Nächte in Fasar vor dem Hintergrund einer epischen Auseinandersetzung. Haben Sie eine Vorliebe für Kriegsgeschichten? Hennen: Nein, aber Kriegsgeschichten liefern einen guten Hintergrund für dramatische Ereignisse. Sie komprimieren wichtige Entscheidungen auf einen geringen Zeitraum und bieten einem Autor so Gelegenheit die Entwicklung von Charakteren sehr dynamisch voranzutreiben. In der Fantasy sind kriegerische Hintergründe für Geschichten ja nun nicht gerade selten, ich denke da nur an Der Herr der Ringe. Man bedient sich dieses Mittels aber auch sonst gerne in der Belletristik. Boris Pasternaks Doktor Zhivago würde etwa nicht funktionieren, wenn der Roman nicht vor dem Hintergrund der russischen Revolution angesiedelt wäre. Und doch geht es dort um etwas ganz anderes, als nur um eine spannende Kriegsgeschichte oder eine dramatische Liebesgeschichte. Nicht ohne Grund war das Buch lange Zeit in Rußland verboten ... Nautilus: Und worum geht es Ihnen in Die Nacht der Schlange? Hennen: Die Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten, ohne den Leser um die Spannung zu bringen. Vielleicht sollte ich besser zunächst einmal sagen, worum es mir nicht ging. Es sollte nicht noch so ein Fantasy-Roman werden, wo ein Held gegen alle Chancen die Welt rettet. Mein Ziel war es auch, die Grenzen zwischen Gut und Böse zu verwischen und mit vielen gängigen Klischees in der Fantasy aufzuräumen. Formal ähnelt Die Nacht der Schlange mehr einem Krimi. Es geht darum, den Mord an einem jungen Offizier der Stadtgarde aufzuklären. Der eigentliche Reiz lag allerdings für mich darin, zwei grundverschiedene Weltbilder aufeinanderprallen zu lassen. Alara Olibano, Commandanta der Stadtgarde, war immer das, was man in einem modernen Krimi den guten Cop nennen würde. Hart aber gerecht, hat sie buchstabengetreu den Willen des Gesetzes vollstreckt. Sie hat lieber Ämter und Würden aufgegeben, als ihre Vorstellung von Gerechtigkeit. Ihr gegenüber steht ein Gegenspieler, der nur sich verpflichtet ist und bedenkenlos mit allen Gesetzen bricht, sich selbst dabei aber treu bleibt. Aus diesem Konflikt entwickelt sich, denke ich, ein recht spannender Krimi, vor dem die Ereignisse der großen aventurischen Geschichte in den Hintergrund treten. Und genau das war es, was ich erreichen wollte. Denn packender als jede Schlachtbeschreibung kann der Kampf eines sorgfältig gezeichneten Charakters mit sich selbst und seinen Wertvorstellungen sein. Nautilus: Stimmt. Ich habe Ihren Roman gelesen und muß sagen, daß mir in der Fantasy kaum eine infamere Intrige untergekommen ist, als jenes Ränkespiel, das sich erst auf den letzten Seiten offenbart. Man hat das Gefühl, 300 Seiten lang mit Blindheit geschlagen gewesen zu sein, und blättert man zurück, wird man mit Dialogen konfrontiert, die sich nun mit dem Wissen der letzten Seiten ganz anders lesen. Wie lange braucht man, um so ein Buch zu schreiben? Hennen: Am Roman habe ich etwa ein halbes Jahr gearbeitet. Es ist so, daß manche Charaktere im Laufe einer Geschichte ein Eigenleben entwickeln und Züge annehmen, die nicht von Anfang an geplant waren. Dann muß man noch einmal an den Anfang des Romans zurückgehen und genau überprüfen, ob noch immer alles, was sie tun und sagen, zu dem neu entstandenen Bild passen. Dies kostet seine Zeit. Wenn man am Ende dann aber Figuren hat, die wirklich lebendig wirken, dann hat es sich gelohnt. So sind die Dialoge entstanden, von denen Sie gerade gesprochen haben, und ich muß gestehen, daß ich viele der versteckten Spitzen erst nachträglich hinzugefügt habe, als ich mir meiner Romanfiguren wirklich sicher war. Nautilus: Sie betreiben für Ihre historischen Romane sehr aufwendige Recherchen. Wie gehen Sie dabei vor? Hennen: Nun, ich recherchiere nicht nur für meine historischen Romane. Wer mit der Komplexität der Spielwelt Aventurien vertraut ist, der kann sich vorstellen, wie tief man graben kann und muß, damit das Flair der Spielwelt in einer Geschichte erhalten bleibt und man sich nicht in Widersprüche verwickelt. Für Die Nacht der Schlange habe ich z.B. vor zwei Jahren eigens zwei Artikel im Aventurischen Boten lanciert, damit der engagierte Spieler nicht von den Ereignissen im Roman überrascht wird, sondern die wichtigen Eckdaten schon vor einer Weile in der aventurischen Geschichte verankert finden konnte. Nautilus: Und was machen Sie im Fall der irdischen Geschichte? Lancieren Sie etwa gar Artikel in Wissenschaftszeitschriften, um Ihre Romane vorzubereiten? Hennen: (Lacht) Nein, natürlich nicht. Obwohl ich auch sieben Jahre nach meinem Studium noch gute Kontakte zum archäologischen Institut hier in Köln habe und versuche in den Themenbereichen, die mich interessieren, auf dem neuesten Stand der Forschung zu bleiben. Die größte Gefahr bei Recherchen zu einem historischen Roman besteht für mich darin, sich nicht endlos in Details zu verrennen. Man kann z.B. durchaus herausfinden, was für Münzen in Ephesos um 50 v. Chr. im Umlauf waren. Ich habe einmal einen ganzen Tag investiert, um das herauszubekommen, doch wenn diese Information nur ein Detail in einem einzigen Satz in einem Buch von über 300 Seiten ist und im weiteren Verlauf der Handlung keine Rolle spielt, dann ist man eindeutig übers Ziel hinausgeschossen. Allgemein findet man in einem historischen Roman vielleicht 10% der Recherchen tatsächlich wieder. Das hört sich sehr ineffektiv an, doch um einem Buch Tiefe zu geben und eine vergangene Zeit wieder lebendig werden zu lassen, muß man mehr wissen, als man schreibt. Nautilus: Sie sollen sogar so weit gegangen sein, mittelalterlichen Schwertkampf zu lernen, um Kampfszenen überzeugender schreiben zu können? Hennen: Es stimmt, wobei ich aber lieber sagen würde, ich habe Schwertkampf gelernt, denn wie man im Mittelalter tatsächlich mit einem Schwert kämpfte, kann man nur erschließen, letzte Gewißheit gibt es nicht. Einige der Schwertkämpfe in meinen letzten Romanen habe ich tatsächlich vorher mit anderen Fechtern geprobt, um herauszufinden, was für Abläufe plausibel sind und welche nicht. Eine andere Art von Recherche ist, die Schauplätze des Romans zu kennen. Bei einem Fantasy-Roman ist das natürlich schwierig, aber bevor ich Die Nacht der Schlange vollendete, war ich in Yucatan, weil das Klima dort dem Klima entspricht, wie ich es mir in AlAnfa vorstelle. Bei meinem vorletzten Roman Die Könige der ersten Nacht kenne ich ebenfalls fast alle Schauplätze aus eigener Anschauung. Besonders in den Orient habe ich mehrere Reisen unternommen, und ich glaube die Szenen im Heiligen Land sind atmosphärisch besonders gut gelungen. Nautilus: In Die Könige der ersten Nacht geht es um die Heiligen Drei Könige und darum, wie ihre Reliquien zuletzt nach Köln gelangten. Sie haben dazu eine recht ausgefallene These aufgestellt, und damit haben Sie einigen Anstoß erregt. Hennen: Richtig. Der katholischen Kirche gefällt nicht was ich geschrieben habe, denn der Roman entlarvt Widersprüche um die Dreikönigsreliquien. Zum Beispiel sind diese Heiligen niemals heilig gesprochen worden und das ist noch nicht das Absonderlichste an ihnen. Die Anfeindungen gingen sogar so weit, daß in Köln bei einer Ausstellungseröffnung, wo ich zu einem Vortrag über meine Thesen eingeladen war, der Vertreter der Kirche, mit dem ich diskutieren sollte, darauf bestand, daß ich wieder ausgeladen werde. Solche Sachen würden wohl nicht geschehen, wenn man die Thesen des Romans einfach als literarische Hirngespinste entlarven könnte. Nautilus: Und wie gehen Sie damit um? Hennen: Ganz einfach. Ich lasse im nächsten Roman wieder den Kölner Dom, den Klerus und ein paar Reliquien vorkommen, und auch diese Geschichte wird den Herren in Schwarz nicht gefallen, obwohl es sich diesmal nur um einen humoristischen Fantasy-Roman handelt. Das Buch wird Nebenan heißen und im Herbst erscheinen. Es geht dabei um Heinzelmännchen, den Erlkönig, die Kölner Uni, Studenten, die sich im Schwertkampf und in obskureren Dingen versuchen, und zu guter letzt um eine große Verschwörung. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und tatsächlichen Ereignissen sind weder zufällig noch unbeabsichtigt. Nautilus: Danke für dieses Gespräch. Das Gespräch führte Iris Lanz |
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