»Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.«
Augustinus (354 - 430 n. Chr.)
So lautet das bis heute berühmteste Zitat über die Zeit, das gewissermaßen selbst schon wieder mit Zeit beladen ist. Es stammt von Augustinus (354 - 430 n. Chr.) und beschreibt eine Erfahrung, die die meisten Menschen kennen dürften: Zeit ist so allgegenwärtig und zugleich so ungreifbar wie kein zweites Phänomen im menschlichen Leben. Die größte deutschen Anthologie zum Thema, Die Gehäuse der Zeit (1994), herausgegeben von Karl Michael Armer und Wolfgang Jeschke, bringt es auf den Punkt. »Zeit«, so heißt es dort, »läßt sich nicht abbauen, ernten, lagern, kaufen, vermieten, vermehren.«
In unserer Epoche nie gekannter Beherrschung der Natur erweist sich die Zeit als das letzte große Unbeherrschbare - nicht anders als zu Augustinus Tagen.
Eines allerdings hat sich geändert in den letzten 1.500 Jahren, und einige Fragen über die Zeit lassen sich sehr wohl beantworten, wenn auch längst nicht alle. Einige grundsätzliche Dinge scheinen festzustehen, und weil sie im Leben ihren Platz haben, werden sie auch in den Geschichten über Zeitreisen immer wiederkehren, so daß sie zunächst einmal festgehalten werden sollen. Nicht zufällig haben die modernen Entwicklungen von Philosophie, Biologie und Physik gleichermaßen Anteil an diesen Erkenntnissen, und in den entscheidenden Punkten treffen sie sich sogar.
Schon die allerfrühesten Mythen berichten von zwei grundlegenden Zeiterfahrungen, die auch die Erfahrungen heutiger Menschen sind. Zum einen erleben wir die Zeit wie einen Pfeil oder eine Linie. Wir werden geboren, leben und sterben, und wie alles, was dieser Zeitform unterworfen ist, sind diese Dinge irreversibel: Sie sind nicht umkehrbar und nicht wiederholbar. Vergangene Augenblicke sind unwiderruflich vergangen, zukünftige Augenblicke existieren jetzt noch nicht.
Zweitens erleben wir die Zeit wie einen Kreis, oder genauer, wie eine Spirale. Manche Erfahrungen sind reversibel, das heißt, sie sind, bis zu einem gewissen Grad, umkehrbar oder wiederholbar. Das einfachste Beispiel sind Bäume, die Jahr für Jahr den gesamten Kreislauf vom ersten Erblühen bis zum Abfallen der Blätter neu durchlaufen. Zumindest im übertragenen Sinne »leben« und »sterben« sie immer wieder neu. Doch das ist nur scheinbar ein Kreis, sondern eher eine Spiralbewegung, denn der Baum selbst altert ja. Es ist in jedem Jahr zwar der gleiche Baum, der neue Früchte trägt, aber nicht derselbe.
Auch andere wichtige Phänomene sind wohlvertraut: Die Zeit scheint umso schneller abzulaufen, je älter man wird. Perioden, in denen wenig geschieht, dehnen sich aus, während man sie erlebt; aber in der Rückschau wirken sie blitzschnell vergangen. Perioden, in denen sich die Ereignisse überschlagen, rasen vorüber, während man sie erlebt; aber in der Rückschau wirken sie ausgedehnt.
Dieses wandelbare Gesicht der Zeit führt zu Erkenntnissen, die Philosophen wie Kant schon vorwegnahmen, und die die moderne Biologie schrittweise bewiesen hat. Zeit ist merkwürdig real und irreal zugleich, denn jedes Lebewesen lebt in seiner eigenen Zeit. Die eine und einzige Zeit, die für jedes biologische Lebewesen gelten würde, gibt es nicht. Zwar haben auch Tiere Erinnerungen und somit irgendeine Vorstellung von Zeit - jedenfalls die höher entwickelten Säugetiere. Aber auch der gelehrigste Hund begreift nicht, was »morgen« heißt, und seine Vorstellung der Zeit sieht unendlich viel schattenhafter aus als unsere. Und die weniger entwickelten Tiere besitzen überhaupt keine Zeit, die wir uns vorstellen können. Es ist, als habe jede Art ihr eigenes raum-zeitliches Koordinatensystem im Kopf, in das die Individuen ihr Leben lang ihre höchst unterschiedlichen Erlebnisse eintragen. Dieses Koordinatensystem ist bis zu einem kleinen Grad dehnbar, wie man sieht, wenn die Zeit schneller oder langsamer abzulaufen scheint. Nur eines geschieht nie: daß man das Koordinatensystem wechselt. Man wacht nicht eines Morgens auf und erlebt die Zeit wie ein Lurch.
Auch in der Physik ist die Zeit merkwürdig real und irreal zugleich, denn auch im kosmischen Maßstab gibt es nicht die eine und einzige Zeit. Nach Einstein sind Raum und Zeit auf eine schwer zu fassende Art miteinander verbunden und abhängig von der Geschwindigkeit, mit der sich der Betroffene bewegt. Innerhalb von zwei Systemen - zum Beispiel der Erde und einem Raumschiff - scheint die Zeit zwar gleich schnell abzuzlaufen. Vergleicht man aber die beiden miteinander von außen, so ergeben sich erhebliche Unterschiede: Kommt die fast mit Lichtgeschwindigkeit fliegende Rakete wieder zur Erde zurück, hat der Raumfahrer nur ein paar Stunden erlebt, aber auf der Erde sind Jahre vergangen. Dieses Phänomen heißt Zeitdilatation (Ausdehnung). Zeit ist, alles in allem, kein »Ding«. »Raum und Zeit sind nicht Sachen, sondern Anordnungen von Sachen«, schrieb Leibniz. Und diese Ordnung trägt überall ein Doppelgesicht: im Erleben, unter den biologischen Arten, im Weltall.
Dieses Doppelgesicht ist natürlich genau der Punkt, warum Zeitreisegeschichten überhaupt funktionieren und warum sie oft vielschichtiger sein können, als andere SF-Geschichten.
Dabei ist es gleichgültig, mit welchen Mitteln die Zeitreise unternommen wird. Die Mittel dienen nur als erzählerische Strategie, um die Geschichten in Gang zu setzen. Es macht keinen Unterschied, ob man mit der klassischen Maschine reist, die Zeitdilatation ausnutzt oder neue menschliche Fertigkeiten entwickelt; oder ob man gar in eine Parallelwelt gerät, in der die historische Zeit ganz anders abgelaufen ist, als in unserer. Das sind Äußerlichkeiten. Wichtig ist allein, daß der Held lernt, sich durch die vierte Dimension der Zeit so zu bewegen wie durch die drei ersten des Raumes. Bis dann die Überraschungen kommen.
Die erste typische Gruppe von Zeitreisegeschichten betrifft Reisen in der historischen Zeit. Die einfachste Variante besteht darin, daß ein Mensch der Gegenwart in die Vergangenheit oder in die Zukunft reist. Es ist, als ob der Reisende ein gigantisches Geschichtsbuch vor sich hätte, bei dem er in eine bestimmte Seite hineinspringen kann, ein Buch, das umfassender als alle tatsächlich existierenden ist, weil es Millionen von Jahren vor- und zurückreicht.
Zwei Klassiker stehen am Anfang aller neueren Zeitreisegeschichten. Weit in die Zunkunft geht es in H.G. Wells berühmtem Roman Die Zeitmaschine (1895); in die Vergangenheit führt Mark Twains Buch Ein Yankee am Hofe König Artus (1889). Bei beiden Autoren ist nicht die Zeit selbst das Problem, sondern die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung, die in einer bestimmten Epoche vorherrscht. Wells Roman ist ein Abenteuer mit ernsten Untertönen, in der sich das ganze Talent des Autors zur Spannungsgeschichte entfaltet; Mark Twains Roman ist ein Feuerwerk seines ebenso großen Talents für Witz und Satire.
Ein würdiger Nachfolger dieser großen Namen ist Jack Finney. Sein auf deutsch neu erschienener Roman Von Zeit zu Zeit (1970), in dem ein Zeitreisender am Ende des 19. Jahrhunderts einen großangelegten Polit-Skandal aufdeckt, ist eine faszinierende Liebeserklärung an die Stadt New York, ausgestattet mit vielen historischen Photo-Aufnahmen und voller Aufmerksamkeit für die kleinsten Einzelheiten des damaligen Lebens. Auch er hat sein Gegenstück: Eine der witzigsten Geschichten überhaupt ist Kingsley Amis Verein der Freunde des Fusels (1964), in der sich der Verein des Titels Sorgen um die Alkoholversorgung der Zukunft macht und der Zeitreisende wortwörtlich in den falschen Film gerät.
Leider haben solche Geschichten einen Schwachpunkt, wenn der Autor nicht gerade das Format der Genannten besitzt. Sie sind zu simpel. Außer der Reise selbst ist an ihnen nur wenig phantastisch. Es mag schon richtig sein, daß in der Handvoll der allerbesten SF die Zeitreisen besonders häufig sind, aber der Umkehrschluß stimmt leider nicht. Innerhalb des Subgenres der Zeitreisegeschichte sind die Treffer keineswegs dichter gesät als in anderen, und gerade bei den historischen Reisen findet sich viel Mittelmäßiges. Allzuoft wird eine Idee verschenkt, weil der Zeitreisende nichts Besseres zu tun hat, als auf Dinosaurierjagd zu gehen.
Etwas besser gelingt häufig eine Variante historischer Reisen, in der die Gegenwart Besuch erhält von einem Menschen aus der Vergangenheit oder der Zukunft. Kommt der Besucher aus der Vergangenheit, ergibt sich die Chance, unsere Zeit mit seinen Augen zu sehen. Und hat der Autor gründlich recherchiert, so dürften sich für viele Leser Überraschungen ergeben. Nicht ein naives Preisen des Fortschritts kann die Lösung sein und auch nicht bloßes Lamentieren über düstere Gegenwartsaspekte, weil früher angeblich alles so viel idyllischer war, sondern etwas Drittes.
In einer der besten Geschichten dieser Art, David J. Massons Reise durch zween Zeiten (1965), katapultiert sich ein Alchemist des 17. Jahrhunderts mit einer gestohlenen Zeitmaschine in die Gegenwart. Hier zeigt sich, wieviel freier und unfreier zugleich der Held von damals ist, und wieviel Fortschritte und Rückschritte zugleich die Gegenwart gegenüber dem 17. Jahrhundert gemacht hat.
Genau das stellt auf humorvolle Art auch der einzige deutsche Roman zum Thema dar, der wirklich ein Erfolg wurde, Herbert Rosendorfers Briefe in die chinesische Vergangenheit (1983). Hier wird ein chinesischer Mandarin aus dem ersten Jahrtausend in die bayrische Gegenwart verschlagen. In Klaus Möckels witziger, kritischer und genauer Geschichte Der Irrtum (1980) macht ein intriganter Kleinstaaten-Fürst aus dem 18. Jahrhundert auch in einer völlig veränderten DDR-Gesellschaft Karriere - und wäre im Westen gewiß ebenso erfolgreich gewesen.
Die andere Möglichkeit,